Die Beschissenheit der Dinge


Handlung

Die Strobbes halten zusammen. Das weiß der 13-jährige Gunther, der im Belgien der achtziger Jahre in einer trostlosen Kleinstadt aufwächst. Darum widerspricht er nicht, wenn sein Vater Celle Gunthers Mutter als Hure beschimpft. Die Mutter ist schon lange fort, statt ihrer sind Gunthers Onkel Piet, Koen und Lowie geblieben. Gemeinsam leben sie unter der Obhut ihrer alten Mutter, deren armselige Rente sie in Spielautomaten stecken oder in der örtlichen Kneipe versaufen. Manchmal kommen Gunther Zweifel an der Lebensweise der eingeschworenen Gemeinschaft. Wenn sein Vater auf ihn los geht, die Onkel besoffen in ihrem Erbrochenen einschlafen oder ihre freundliche Schwester aus dem Haus ekeln. Meistens aber macht Gunther mit, lässt sich mit Alkohol abfüllen und kümmert sich nicht um die Schule. Immerhin ist er ein Strobbe. Die halten zusammen und aus dem elenden Dasein auszubrechen wäre Verrat – oder?


Jahre später ist Gunther ein erfolgloser Schriftsteller, der die Gespenster seiner Vergangenheit nicht los wird. Er muss sich mit den verleugneten Fehlern seiner Angehörigen auseinandersetzen, um endlich zu sich selbst zu finden.


Meinung

Unsentimental und mit derber Komik inszeniert Felix Van Groening in seinem in Cannes mit dem "Prix Art et Essai" ausgezeichneten Werk das Aufwachsen in einer Alkoholikerfamilie. In ruppiger Kameraführung, welche das raue Temperament der Figuren widerspiegelt, beleuchtet der belgische Regisseur das paradoxe Gesicht der Milieuverbundenheit. Angesiedelt zwischen Tragikkomödie und Sozialstudie, konzentriert sein Familiendrama sich auf die vernachlässigten Aspekte der komplexen Thematik. Fernab moralisierender Klischees erzählen Van Groening und sein Co-Drehbuchautor Christophe Dirickx in ihrer auf dem gleichnamigen Roman von Dimitri Verhulst basierende Geschichte von den ambivalenten Bindungsgefühlen und der Zugehörigkeit, welche ein destruktives Milieu vermitteln kann. Gerade der unter der Vernachlässigung und Misshandlung durch den Vater leidende Gunther empfindet sein Umfeld auch als reizvoll. Der eiserne Zusammenhalt der Strobbes vermittelt ihm das Gefühl von Geborgenheit, welches er in der gewalttätigen und verwahrlosten Gemeinschaft entbehren muss. Verzweifelt klammert er sich an die einzige Konstante in seinem Leben, ohne zu merken, dass sie ihn in den gesellschaftlichen Abgrund zieht, in welchem sein Vater endete. Anders als viele Mainstream-Produktionen mit sozialer Thematik krankt „Die Beschissenheit der Dinge“ mit seiner zwischen verharmlosender Sympathie und fasziniertem Ekel hin und her gerissenen Perspektive nicht an einem Mangel, sondern einem Übermaß an Mitgefühl. Mehrfach scheint Van Groeningen die Abscheu des Publikums mit Szenen am Rande der Groteske auf die Spitze treiben zu wollen.

Auf den eigenen sich darin verratenden Sensationalismus spekuliert das Drama auch beim Publikum. Statt die ernsthafte Problematik aufzulockern, droht diese gezwungen komödiantische Facette die Handlung ins Lächerliche zu ziehen. Symptomatisch für die Tendenz zur Effekthascherei ist das Nackt-Fahrradrennen, an dem die Strobbes teilnehmen. Ein solches Rennen wurde zur Bewerbung des Films auch in Cannes abgehalten. Mit großem Anklang bei den Gästen, welche die kleine belgische Produktion zum Publikumserfolg machten. Das ausgerechnet die Reichen und Schönen in dem sonnigen Nobelort sich vom Elend einer Gruppe verwahrloster Alkoholiker im regnerischen Belgien angetan zeigten, wirft ein ambivalentes Licht auf die Zielgruppe, welche die Romanverfilmung anvisiert. Weit weg von verdreckten Wohnungen ohne Toilette, aggressiven Verwandten mit alkoholbedingtem Tremor und der depremierenden Eintönigkeit des Arbeitslosenalltags ist der soziale Abgrund ein amüsantes Kuriosum. Gunthers früh gealtertes Gesicht und der innere Kampf, den er austragen muss, um das emotionale Erbe des Vaters abzuschütteln, verweisen auf ein seelisches Leid, welches die Tragikomödie oft verdrängen will. Der authentische Sozialkolorit und die darstellerischen Leistungen, insbesondere Gilda De Bals Porträt der zerbrechlich wirkenden Großmutter, „deren Herz größer war, als ihre Rente“, wie es Gunther zärtlich umschreibt, machen „Die Beschissenheit der Dinge“ dennoch zum beachtlichen Kontrast gegenüber dem üblichen Sozialkitsch.

Kein Alkohol ist auch keine Lösung.

von Lida Bach



Gunther: Kenneth Vanbaeden
Erwachsener Gunther: Valentijn Dhaenens
Celle: Koen De Graeve
Großmutter: Gilda De Bal

Piet: Johan Heldenbergh
Koen: Bert Haelvoet
Lowie: Wouter Hendrickx

Regie: Felix Van Groening | Belgien, 2009

Länge: 108 min | FSK: ab 12 | Buch: Felix Van Groening, Christophe Dirickx | Kamera: Ruben Impens | Szenenbild: Kurt Rigolle | Musik: Jef Neve | Schnitt: Nico Leunen | Produktion: Dirk Impens