Die Affäre - Partir


Handlung

Alles scheint vollkommen im Leben des wohlhabenden Paares Suzanne und Samuel. Bis der spanische Schwarzarbeiter Ivan in Suzannes Leben und Gefühlswelt tritt. Unerwartet verliebt sich die Hausfrau und Mutter leidenschaftlich in ihn. Die romantische Erfüllung, welche sie mit Ivan erlebt, lässt Suzanne die Leere ihrer bisherigen Existenz erkennen. Ihr sozialer Status und ihre Ehe enthüllen sich als wertlos im Vergleich zu der Selbsterfüllung und Freiheit mit Ivan. Doch Suzannes Ehemann Samuel kämpft mit allen Mitteln um die Beibehaltung der bürgerlichen Fassade und ehelichen Hierarchie zwischen ihm und seiner Frau.


Als er Suzanne mit erneutem Werben und Geschenken nicht halten kann, setzt er sie und Ivan finanziell unter Druck. Die Situation des Liebespaares spitzt sich zur Ausweglosigkeit zu.

Meinung

Der Film beginnt mit dem Ende. Ein Schuss hallt durch das Haus. Eine Beziehungstat. Mit bestechender Schärfe blickt Catherine Corsini auf die Verhältnisse hinter einem solchen Fall, wie es ihn tatsächlich gegeben haben könnte. Nicht die Tat, sondern die Beziehung interessiert die französische Regisseurin in ihrem vielschichtigen Drama „Die Affäre“. Wie das Zuschlagen einer Tür klingt der Schuss - die Tür zwischen ihrem bisherigen Leben und ihrer selbst, welche Suzanne auf immer geschlossen hat. Nur mit Gewalt gelingt es ihr, eine Grenze zu ziehen. Um Grenzen, sichtbare und unsichtbare, ihr Überschreiten und Neudefinieren geht es in „Partir“. Dass ihr Beziehungsdrama keine beliebige Romanze ist, lässt die französische Autorenfilmerin Catherine Corsini bereits im Titel anklingen: „Partir“ bedeutet abweisen. Die deutsche Umbetitelung in „Die Affäre“ lässt einen Liebesfilm vermuten. Doch es geht nicht um eine verspielte Liaison, sondern um ein psychologisches Drama vom verzweifelten Kampf um Selbstbestimmung gegen äußeren Zwang. Verständnis und Leidenschaft durch einen Partner musste Suzanne in ihrer Ehe entbehren, ohne dass es ihr direkt bewusst war. Der materielle Wohlstand, in dem sie mit Gatten und Kindern lebt, überdeckt den emotionalen Mangel. Mit dem vorbestraften Ivan entdeckt Suzanne das vergessene Terrain der Leidenschaft neu. „Partir“ zeigt die Lust Suzannes in ungehemmten Ertotikszenen, in denen die Charaktere ihre Seelen und Körper entblößen. Das romantische und physische Begehren Suzannes ist stärker als ihre Vernunft. Einen halbherziger Versuch, zu Samuel zurückzukehren, bricht sie mutwillig ab. Als ihr Ehemann sie gewaltsam von Ivan trennt, zerreißt es Suzanne seelisch.

„La bourgeoise et le prolo.“ Bezeichnend lässt Regisseurin und Drehbuchautorin Corsini Suzannes voreingenommenen Ehemann Samuel das Klischee anführen. Die Beziehung der bürgerlichen Suzanne und des Arbeiters Ivan wird nicht durch milieubedingte Differenzen beeinträchtigt. Ivan ist kein derber Prolet. Sozial gehört er zur Unterschicht, intellektuell ist er dem beschränkten Samuel voraus. Ebenso ist es für Suzanne, trotz der finanziell absichernden Ehe mit Samuel, Bedürfnis und Selbstverständlichkeit, zu arbeiten. Die Konstruktion des Stereotyps markiert den Übergang von Samuels Ignoranz in Selbsttäuschung. Nicht Liebe treibt den Status bewussten Samuel in seinem unerbittlichen Kampf um Suzanne, sondern Besitzanspruch. Für ihn ist sie Teil seines Prestiges. Nachdem sie ihm „Die Affäre“ gesteht, markiert Samuel mit Schmuckgeschenken „seine“ Frau. Gleichzeitig unterstreicht er, was ihn vor Ivan auszeichnet: Geld. Dass er die finanzielle Lage seiner Frau perfide als Druckmittel einsetzt, unterstreicht Samules Hilflosigkeit. Dass die Liebe zwischen Suzanne und ihm erstorben ist, dass sie sich bewusst und endgültig von ihm abkehrt, kann und will er nicht wahrhaben. Präzise beobachtete Alltagsszenen vermitteln die Enge des bürgerlichen Rahmens, in welchem sich Suzannes Leben abspielt. In einer unscheinbaren Essensszene mit ihren Schwiegereltern erschließt sich die familäre Tradition, in welche Suzanne bisher getreten ist. „Ich könnte das nie.“, sagt Samuels Mutter über Suzannes Rückkehr in den Beruf und scheint auch „Die Affäre“ zu meinen, von der sie nichts ahnt. Die intensiven Charakterporträts Yvan Attals, Kirstin Scott Thomas und Sergi Lopez machen „Die Affäre“ eindringlich und berührend, wie es im Beziehungsfilm nur selten der Fall ist.

Hier wendet man sich nicht ab.

von Lida Bach



Suzanne: Kristin Scott Thomas
Ivan: Sergi Lopez

Samuel: Yvan Attal

Regie: Catherine Corsini | Frankreich, 2009

Länge: 86 min | FSK: ab 12 | Buch: Catherine Corsini | Schnitt: Simon Jaquet | Szenenbild: Laurent Ott | Kamera: Agnes Godard | Produktion: Fabienne Vonier