Der Vater meiner Kinder


Handlung

„Solche Sachen passieren halt.“, sagt der Filmproduzent Gregoire über den Tod eines Mitarbeiters, der sich am Set erhängte. Selbstmord, nichts außergewöhnliches. Etwas, das manche Leute eben tun. Mit solchen düsteren Gedanken will sich Gregoire Canneval, der glücklich verheiratet mit seiner Frau Sylvia und den drei Töchtern Clemence, Billie und Valentine in Paris lebt, nicht beschäftigen. Er will es nicht, weil sie ihn insgeheim seit langem quälen. Gregoire ist hoch verschuldet, seine Filmproduktionsfirma steht am Rande des Ruins. Seine Familie und Freunde können das tatsächliche Ausmaß seiner Geldnot nur ahnen, von seinen Ängsten wissen sie nichts. In seiner Verzweiflung sieht Gregoire nur einen Ausweg – und er wählt ihn. Sylvia und die Kinder müssen sich mit dem für sie Unvorstellbaren abfinden. Doch Sylvia weigert sich, in Apathie zu verfallen. Trotz ihrer Trauer nimmt sie den Kampf um die Firma auf und versucht einen neuen Weg zu finden für sich und ihre Töchter: ein neues Leben ohne Gregoire.

Meinung

In ihrem ebenso ungewöhnlichen wie zärtlichen Familiendrama beschäftigt sich die französische Regisseurin Mia Hansen-Love mit dem Tod als alles verändernden Einschnitt in das Leben der Hinterbliebenen. Nuanciert beleuchtet sie in ihrem zweiten Langspielfilm die unterschiedlichen Facetten des Umgangs mit dem Verlust. Im Zentrum der Handlung steht nicht Gregoire, sondern Sylvia und ihre Töchter. Auf subtile Weise deutet Mia Hansen-Love diese Verschiebung des dramatischen Fokus im Titel an. „Der Vater meiner Kinder“ bezieht sich auf Gregoire aus Sylvias Perspektive. Ihre Sicht, welche die Regisseurin erkundet, ist objektiv, kritisch, jedoch ohne zu verurteilen. Sie relativiert das Bild des fürsorglichen, leichtherzigen Familienmenschen, welches Gregoire nach außen hin von sich zeigt. Zu Beginn erscheinen die Canevals als vollkommen glücklich. Doch das Idealbild erhält schnell Risse. In unscheinbaren Alltagsszenen zeigt „Der Vater meiner Kinder“ bruchstückhaft, wie angespannt die Situation innerhalb der Familie hinter der unbeschwerten Fassade ist. Ununterbrochen klingelt Gregoires Handy. Was erst als belanglose, eher amüsante Störung erscheint, enthüllt sich als unerträgliche Abgelenktheit Gregoires. Physisch ist er anwesend, geistig bei seiner Arbeit. Dass ihr Vater überhaupt Zeit mit ihnen verbringt, ist für die beiden kleinen Töchter Billie und Valentine so außergewöhnlich, dass sie eine Show vorbereiten, die sie ihm vorspielen. Gregoires Terminplan bestimmt den seiner Familie. Hat er frei, müssen alle Familienmitglieder diese Zeit zusammen verbringen. Besonders die jugendliche Clemence leidet unter dieser Beschränkung.

Alle Gespräche drehen sich um Gregoire, seine Filmprojekte und die Firma. Unmerklich hat Sylvia sich in einer aufopfernden Existenz für ihren Ehemann gefangen. Dessen bewusst wird sie sich erst nach seinem Tod. Zum ersten Mal spielen ihre Gefühle und die ihrer Töchter eine Rolle. Mit entwaffnender Offenheit kehrt sich „Der Vater meiner Kinder“ ab von der moralisierenden Sichtweise, dass der Tod eines Angehörigen zwangsläufig vernichtend auf seine Familienmitglieder wirken müsse. Die Trauer um Gregoire hängt nicht als drückender Schatten über der Familie, sie verblasst zum Gedenken und der Akzeptanz des Unwiederbringlichen. Die Gründe für Gregoires Selbstmord werden nur vage angedeutet. „Er war auf der Flucht.“, sagt ein Mitarbeiter über ihn und gesteht Sylvia gegenüber offen, in leiser Referenz an Gregoires früheren Kommentar, dass er ihren Ehemann nicht loben werde, weil er sich umgebracht habe. Auch Sylvia kann und will den Verstorbenen nicht idealisieren: „Alles, was er uns hinterlassen hat, sind Schulden.“, erkennt sie nüchtern. Auf der Flucht war Gregoire nicht zuletzt vor seiner Verantwortung. Im Tod ist er ihr endgültig entkommen. Für Sylvia, welche bis dahin Hausfrau war, ist es die Chance, sich als Leiterin der Produktionsfirma zu beweisen. Die berufliche Herausforderung scheint sie ersehnt zu haben, wie Clemence das unabhängige Leben, das sie nach Gregoires Tod beginnen kann. Bevor sie Paris verlassen, wollten Sylvia und ihre Kinder noch zum Friedhof gehen. Dann reicht die Zeit doch nicht. Gregoire ist nicht mehr das Wichtigste, er kann jetzt warten, auf die, welche noch Lebenszeit haben. „Ce sera, sera“ klingt es zum Abspann.

Was geschieht, geschieht. Auch der Tod.

von Lida Bach



Gregoire: Louis-Do de Lencquesaing
Sylvia: Chiara Caselli
Clemence: Alice de Lencquesaing

Valentine: Alice Gautier
Billie: Manelle Driss

Regie: Mia Hansen-Love | Frankreich, 2010

Länge: 122 min | FSK: ab 12 | Buch: Mia Hansen-Love | Kamera: Pascal Auffray | Szenenbild: Matthieu Menut | Schnitt: Marion Monnier | Produktion: Les Films Production