Der Mondmann
Handlung
„Und die Kuh macht Muh!“ – In der New Yorker Comedyszene in den 1970ern macht Andy Kaufman durch exzentrische Auftritte auf sich aufmerksam. Er singt Kinderlieder, imitiert Elvis, spielt Bongo und erzählt Witze, die nicht witzig sind. Der clevere Künstleragent George Shapiro erkennt Kaufmans Genie und engagiert ihn vom Fleck weg. Er verschafft seinem Klienten eine große Rolle in der Sitcom „Taxi“ und Auftritte bei „Saturday Night Live“ und „Fridays“. Zusätzlich kann Kaufman in eigenen Sendungen sein Talent beweisen. Gemeinsam mit seinem Kreativpartner Bob Zmuda tüftelt er immer wieder an neuen Ideen, um das Publikum zu schocken und zu irritieren. Doch seine Rolle als chauvinistischer Frauen-Wrestler geht vielen zu weit und die Angebote bleiben aus. Seine Karriere ist auf einem absteigenden Ast.
Als er erfährt, dass er unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist, hat er noch einen letzten großen Traum: Er möchte in der Carnegie Hall auftreten.
Meinung
Ein junger Mann bestellt sich auf einer Bühne in einem Comedy-Club eine Portion Schokoladen-Eis und isst sie in den nächsten paar Minuten mit vollem Genuss, ohne ein Wort zu sagen. Als in den 1970ern ein exzentrischer Komiker namens Andy Kaufman in der Comedyszene in Erscheinung trat, teilte sich Amerika in zwei Fraktionen: Die Einen, die seine Auftritte begriffen, und die Anderen, die sie nicht begriffen. Nachdem man „Der Mondmann“ gesehen hat, wird man sie und wird man Andy begreifen, soweit dies überhaupt möglich ist. Doch nicht nur das, man wird ihn und seine Welt lieb gewinnen. Kaufman schuf damals eine völlig neue Art von Comedy, die tiefer geht und den Zuschauer emotionalen Anteil an seiner Kunst haben lässt. Er erzählt keine Witze, das kann ja jeder. Sein Ziel ist es, den Zuschauer auf eine Reise mitzunehmen - oft ist es die Reise zurück in die Kindheit - ihn zu schocken oder ihn kräftig aufs Kreuz zu legen, so wie er es als Wrestler mit zahlreichen Frauen getan hat. Kaufman liebte das Spiel mit dem Publikum, ob als Elvis-Imitator, als Foreign Man oder als sein Alter Ego, den Loungesänger Tony Clifton, der alle im Publikum dazu aufforderte, ihre Zigaretten auszumachen, um seine Stimme nicht zu gefährden und dann selbst rauchte. Dabei war es ihm auch recht, wenn er gehasst wurde. Robin Williams nannte Kaufman einmal einen „Kamikaze-Komiker“.
Nach langer Überlegung, ob überhaupt jemand Andy Kaufman verkörpern könne, fiel die Wahl auf Jim Carrey. Ein absoluter Glücksgriff. Carreys Leistung in „Der Mondmann“ ist von einem anderen Stern. Wenn man sich alte Clips von Kaufman im Internet anschaut – was man jedem, der den Komiker nicht kennt, nur ans Herz legen kann – wird man feststellen, wie detailgetreu und nuanciert Carreys Darstellung ist. Fast könnte man meinen, das Kaufmans Geist für die Performance in den Schauspieler gefahren ist. Das Augenrollen, das Bongospiel, der verstellte aggressive Ton als Wrestler, der Rhythmus und das Timing, alles passt. Auch Danny DeVito als George Shapiro und Paul Giamatti als Bob Zmuda machen den Film zu einem Ereignis.
Regisseur und Oscar-Preisträger Milos Forman, der bereits Jahre zuvor mit „Amadeus“ und „Larry Flint - die nackte Wahrheit“ filmische Biografien vorlegte, liefert eine gelungene Hommage an ein oft missverstandenes Ausnahmetalent. „Der Mondmann“ zeichnet die Stationen im Leben des Künstlers und Menschen Kaufman nach, kehrt dabei an originale Schauplätze zurück und lässt Leute darin auftreten, die ihn im wahren Leben gut kannten und gern hatten. Danny DeVito hat jahrelang in der erfolgreichen US-Sitcom „Taxi“ an Kaufmans Seite gespielt. Der echte Zmuda und Shapiro haben kurze Gastauftritte. Die mitreißende Musik zu dem Film besorgt „R.E.M“, die mit ihrem Song „Man on the Moon“ auch den Filmtitel vorgaben. Das größte Lob verdient die Filmbiografie aber für ihre Anpassung an Andys Kunstform. „Der Mondmann“ spielt mit dem Zuschauer und bewegt sich gleich zu Beginn sogar selbst auf einer Metaebene, auf der der Komiker so gern herumtänzelte. Das Offensichtliche ist oft eine Illusion – wer Kaufmans Werk nicht kennt, sollte sich auf ein paar echte Überraschungen einstellen.
Die Trauerfeier, in der Andy von einer Leinwand zu seinen Gästen spricht und singt, bricht die fiktionale Ebene mit großem emotionalen Effekt auf. Im Trauerpublikum sitzen Familie und Freunde des echten Kaufman. Als einen zweiten Abschied werden die Beteiligten ihre Erfahrung bei diesem Dreh später beschreiben. Es ist ein Privileg als Zuschauer dieser familiären Situation beizuwohnen. Auch wenn Kaufman seinen Tod leider doch nicht vorgetäuscht hat, was viele Fans damals vermuteten, lebt sein Geist heute weiter – zum Beispiel in dem Phänomen der Flashmobs und Happenings. Und wenn sich plötzlich und unerwartet Hunderte von Leuten versammeln und genüsslich eine Portion Schokoladen-Eis essen, ohne ein Wort zu sagen, dann singt ganz bestimmt im Himmel Andy im Duett mit Elvis „In this friendly, friendly world ... “.
Pflichtlektüre für Comedy-Fans.
Andy Kaufman: Jim Carrey
George Shapiro: Danny DeVito
Bob Zmuda: Paul Giamatti
Andys Freundin: Courtney Love
Andys Vater: Gerry Becker
Andys Mutter: Leslie Lyles
Regie: Milos Forman | USA, 1999
Länge: 118 min | FSK: ab 12 | Buch: Scott Alexander, Larry Karaszewski | Kamera: Anastas N. Michos | Szenenbild: Patrizia von Brandenstein | Schnitt: Adam Boome | Musik: R.E.M | Produktion: Danny DeVito, George Shapiro, Howard West, Pamela Abdy, Bob Zmuda

