Der junge Törless


Handlung

Grau in Grau. Eine Lokomotive rollt aus einer bräunlich kargen Felderlandschaft und findet langsam in einem ausgestorbenen Bahnhof halt. Eine Gruppe junger Kadetten erwartet dort den jungen Törless. Dieser wird von seinen Eltern begleitet, die ihn in die ungarische Provinz bringen, wo er von nun an in einem Kadetten-Internat leben soll. Dieses Internat befindet sich in einem kleinen düsteren Dorf. Die einzige Unterhaltung bietet eine Dorfhure und eine spartanisch eingerichtete Schänke. Schnell gesellt sich Törless zu den älteren Kameraden Reiting und Beineberg. Das Internatsleben ist bedrückend und für den nachdenklichen Törless weitestgehend sinnfrei. Das ist jedoch nur einer der Gründe dafür, warum Törles sich passiv verhält, als er die Gräueltaten seiner Kameraden an dem jüngeren Kadetten Basini mit ansieht. Diese haben den Mitschüler des Diebstahls überführt. Doch anstatt ihn bei der Internatsleitung zu melden, entscheiden sie sich, ihre überschüssige Freizeit mit martialischen Erniedrigungen an dem kleinen Basini zu füllen. Die älteren Kadetten ergehen sich grausam an dem Jungen und decken ihre Taten zynisch als Experimente zur menschlichen Natur. Auch Thomas Törless wohnt diesen Zusammenkünften bei, nimmt allerdings die Rolle des Beobachters ein. Die schließlich immer dramatischere Arroganz, mit der Rreiting und Beineberg vorgehen, veranlasst Törless dem devoten Basini zu raten, sich doch selbst dem Direktorat zu stellen und somit seinem Dilemma zu entfliehen. Reiting und Beineberg kommen diesem Plan jedoch zuvor und denunzieren Basini vor den Mitschülern. Es kommt zum hochexplosiven Showdown, als diese von den Agitatoren aufgewühlte Masse Basini in einem falschen Rausch der Selbstjustiz stellen möchte.


Doch nun haben auch die Lehrer von den drastischen Geschehnissen erfahren. Reiting und Beineberg mimen die Ahnungslosen hinsichtlich des enttarnten Skandals, nur Törless konstatiert das Geschehene in einem selbstkritischen Plädoyer und macht sich so bei den Lehrern verdächtig. Ihm wird nahegelegt, das Internat zu verlassen. Nüchtern und wortkarg wird Törless schließlich von seiner Mutter abgeholt.

Meinung

Melancholie pur. Ein beklemmend einengendes Gefühl und eine subtile Spannung, das sind die Elemente, die den dramaturgischen Kokon des Films "Der junge Törless" bilden. Törless selbst ist es, der diese Empfindungen personifiziert. Die Verfilmung des Romans „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ ist ein Seiltanz der subversiven Neigungen. Am Anfang steht da die Suche eines jungen Mannes nach Bedeutung und Identität. Dieser junge Mann Törless zeigt in seinem Verhalten sehr eindringlich das Verlangen, die Welt mit ihren abstrakten Vorgängen zu deuten, aber vor allem sucht er seine eigene Position innerhalb der Geschehnisse um ihn herum. Schon als er sich bezüglich des Matheunterrichts an einen Lehrer wendet, diesen fragend wie denn das System der „imaginären Zahlen“ mit dem rationalen Verstand vereinbar sei, fällt seine tiefgreifende Variabilität auf. Wir gehen mit ihm ein Stück. Sind dabei, wenn er über Briefe an sein Elternhaus Antworten als Gewicht gegen die Sogkraft des voyeuristischen Strudels, den der Fall Basini bei ihm auslöst, zu bekommen versucht.

Es ist wichtig, tief und präzise auf die Entstehungsgeschichte des cineastischen Inhaltes zu achten. Geschieht das nicht, erscheint der Film bei oberflächlicher Betrachtung nur die konfliktträchtige Inszenierung eines kleinkarierten Internatsalltags. Doch das ist er keineswegs. Schon bei eingehender Betrachtung der Charaktere Beineberg und Reiting wird eine komplexe psychologische Struktur deutlich. Als der dem Film zugrunde liegende Roman von Robert Musils um 1900 entstand, waren die im Film umtriebigen Themen auch die Themen der Gesellschaft. Die Betonung des Individualismus unter den Gesichtspunkten der von Freud ergründeten Psychoanalyse kennzeichneten politische, soziale sowie kulturelle Veränderungen. Grundthema war vor allem die Ich-Findung in einer autoritären Gesellschaft. Volker Schlöndorff, der sein Filmdebüt mit dem Film "Der jungen Törless" als gerade mal 25-Jähriger feierte, ist die Umsetzung dieser metaphysischen Thematik überzeugend gelungen. Die jungen Schauspieler, ganz vorne Mathieu Carrière als Törless, spielen erstaunlich eloquent und sachlich. Das ermöglicht dem Film einen fast erschütternden Realismus. Schlöndorff, der selbst seine Jugend in militärisch orientierten Jungeninternaten verbrachte, fiel die detailgetreue Darstellung sichtlich einfach. Wie brisant der Film war, wird durch die Tatsache deutlich, dass er noch zehn Jahre nach seinem Erscheinen von deutschen Kulturreferenten sowie dem Goethe-Institut verschmäht wurde. Die Deutschen seien in ihm als Tyrannen stigmatisiert so der Tenor. Wie der Zufall so will, war das Opfer im Film, der junge Bassini, tatsächlich polnischer Jude. Die frappierende Analogie des Buchs/Filminhaltes zu den sozialpsychologischen Strukturen der Hitlerzeit war bis in die späten 60er Jahre offensichtlich zu viel für eine zwischen Selbstvorwurf und Negation taumelnde deutsche Identität.

Schlöndorff selbst sieht die Pointierung des Filmes anders. Ihm ging es vordergründig darum, eine neue Filmkultur in Deutschland zu generieren, die, obwohl er in Frankreich das Gewerbe des Filmemachers erlernt hatte, nicht von der damaligen omnipräsenten “Nouvelle Vague" beeinflusst sein sollte. Das ist ihm tatsächlich gelungen, und es ist wirklich gänzlich schauerlich, als der junge Mathieu Carrière/ Törless vor dem Direktorat sein Schlussplädoyer über die Selbstreferentialität der menschlichen Art zum Besten gibt. Er macht damit deutlich, wie viel „Gut“ und „Böse“ in jedem von uns steckt, vor allem aber wie fließend die Grenzen zwischen diesen Tugenden sind.

Leider ein zeitloses menschliches Dilemma.

von Ulrike Rasch



Törless: Mathieu Carrière
Basini: Marian Seidowsky

Beineberg: Bernd Tischer
Reiting: Fred Dietz

Regie: Volker Schlöndorff | Deutschland, Frankreich, 1966

Länge: 87 min | FSK: ab 16 | Buch: Volker Schlöndorff, Herbert Asmodi | Kamera: Franz Rath | Szenenbild: Maleen Pacha | Schnitt: Claus von Boro | Produktion: Louis Malle, Franz Seitz