Der Elefantenmensch
Handlung
Im ausgehenden 19. Jahrhundert wird auf dem Jahrmarkt in London der „Elefantenmensch“ vorgeführt. Von Kopf bis Fuß entstellt, ist er die monströse Sensation des Schaustellers Mr. Bytes. Erst als der Arzt Dr. Frederick Treves sich seiner annimmt, erfährt man nach und nach von der Person, die sich hinter dem gepeinigten Wesen verbirgt. Sein Name ist John Merrick, er ist Anfang zwanzig, kann empfinden, sprechen und lesen. Das Monster ist ein Mensch. Merrick findet in Treves einen neuen Freund und im Londoner Krankenhaus ein neues Zuhause. Langsam wird er in die Gesellschaft eingegliedert. Doch noch immer stößt er auf Ablehnung, Angst und Ekel. Ein Nachtarbeiter des Krankenhauses verschafft sich eines Tages Zutritt zu Merricks Zimmer und führt ihn für Geld einem Publikum vor. Unter diesem Publikum ist auch der Schausteller Mr. Bytes, der „seinen Schatz“ wieder zurück haben möchte und ihn kurzerhand entführt.
Merrick gelingt dank der Hilfe einiger missgestalteter Zirkusleute die Flucht und er kehrt zurück nach London zu Treves. Nach dem Besuch einer Theatervorstellung, die die Schauspielerin Mrs. Kendal ihm widmet, legt er sich in Frieden mit sich und der Welt schlafen, nicht wie üblich im Sitzen, sondern im Liegen, was für ihn den sicheren Tod durch Ersticken bedeutet.
Meinung
Die wahre Geschichte des John Merrick, eigentlich Joseph Merrick, bildet die historische Grundlage für David Lynchs bewegendes Drama. Mit einem Hang zur Sentimentalität erzählt Lynch von der Passion Merricks, was meist funktioniert, aber auf die Dauer durchschaubar wird. In manchen Momenten des Films vermutet man doch stark eine Strategie hinter der sentimentalen Fassade, die den Zuschauer bewusst zu manipulieren versucht und vorgefertigte Affekte durchsetzen möchte – die Grenze zum Kitsch ist hier sehr dünn. Dennoch bleibt die Aussage des Films sehr nobel und ist von großer Aktualität.
David Lynch, der mit seinem damals kaum beachteten Debütfilm „Eraserhead“ ein optisch-surreales Feuerwerk zündete, nimmt in seinem zweiten Spielfilm, der ihm die Tür nach Hollywood öffnete, seine für ihn später typischen visuellen Tricks und symbolischen Aufladungen zu Gunsten der Geschichte zurück. Gleichwohl besticht „Der Elefantenmensch“ durch eine einnehmende Optik. In einem imposanten Schwarz-Weiß-Stil rekonstruiert der Regisseur zusammen mit seinem Kameramann Freddie Francis ein viktorianisches London mit viel Liebe zum Detail. Das viktorianisch Dekadente in den pittoresken Zimmern sowie die florierende Industrialisierung draußen auf der Straße mit all ihren dampfenden und klopfenden Höllenmaschinen bilden die Kulisse für die dramatische Handlung und werden eindrucksvoll in Szene gesetzt. Am faszinierendsten ist aber die Darstellung des Jahrmarktmilieus. Die Atmosphäre der Angst, des Vergnügens und der Lust am Sensationellen ist deutlich spürbar. Man kann nachvollziehen, dass hier Mythen entstehen, und dass das Kino an diesem Ort seinen Ursprung findet, neben all den anderen Kuriositäten.
Für Filmliebhaber versteckt sich in der zweiten Hälfte des Films, nachdem Merrick von Mr. Bytes entführt wurde und er wieder mit ihm durch die Lande tourt, eine Hommage an Todd Brownings „Freaks“, dessen Thematik ähnlich der von „Der Elefantenmensch“ ist. In Brownings Horrorfilm von 1932 sind die wohlgeformten Menschen die Bösen, während die „Freaks“ das Menschliche widerspiegeln. Dieser vermeintliche Gegensatz wird auch in „Der Elefantenmensch“ ausgestellt. Besonders überzeugend ist er in einer abstoßenden Szene, in der ein älterer Widerling seine jungen Begleiterinnen dazu nötigt, den „Elefanten-menschen“ zu küssen, sich dabei köstlich amüsiert und sein Gesicht zu einer grauenvollen, lachenden Fratze verzieht. Hier fragt der Film den Zuschauer ganz offen, wer eigentlich das „Monster“ ist.
John Hurts Schauspiel ist trotz entstellender Maske bemerkenswert. Ihm gelingt es unter zentimeterdicker Gesichtsprothese, Merrick als verletzlichen und feingeistigen jungen Mann mit großem Herz zu portraitieren, mit dem man mehr und mehr mitleidet. Bald sieht man nicht das Andersartige sondern das Ähnliche, während sein Äußeres immer mehr in den Hintergrund rückt. Das ist nicht ausschließlich Hurts Verdienst, sondern auch das von Anthony Hopkins, der zunächst als interessierter Arzt und später als sympathischer Freund überzeugt. Anne Bancroft, in einer kleinen aber feinen Nebenrolle, deren Figur Akzeptanz und Toleranz in Person ist und die eine Art Mutterrolle für Merrick einnimmt, ragt durch ihr unsentimentales Spiel hervor.
Die Geschichte des „Elefantenmenschen“ ist eine Fürsprache für die Mitmenschlichkeit und kann auch heute noch als solche gelesen werden. Im Grunde ist der Film hochaktuell und hat seine Brisanz nie eingebüßt. Denn die Freakshow ist nicht wirklich aus unserem Leben verschwunden – auch wenn wir das als aufgeklärte, tolerante Bürger gerne annehmen würden. Sie hat sich lediglich in ein anderes Medium verlagert. Was man früher auf den bunten Jahrmärkten sah, wird heute in Talkshows und Panoramamagazinen im Fernsehen vorgeführt. Bärtige Frauen, kleinwüchsige Menschen und siamesische Zwillinge werden von einem staunenden Millionenpublikum beglotzt, das zwischen Betroffenheit und Schaulust schwankt. Würde Joseph Merrick heute leben, würde ihn wahrscheinlich ein raffgieriger Manager von Show zu Show karren, wo er unter großem Tamtam präsentiert und von Leuten begafft wird – das kommt einem irgendwie bekannt vor.
Hundert Prozent menschlich.
John Merrick: John Hurt
Dr. Frederick Treves: Anthony Hopkins
Mr. Bytes: Freddie Jones
Mrs. Kendal: Anne Bancroft
Krankenhausleiter: John Gielgud
Oberschwester: Wendy Hiller
Regie: David Lynch | Großbritannien, USA, 1980
Länge: 124 min | FSK: ab 12 | Buch: Christopher De Vore, Eric Bergren, David Lynch | Kamera: Freddie Francis | Szenenbild: Stuart Craig | Schnitt: Anne V. Coates | Produktion: Mel Brooks, Stuart Cornfeld, Jonathan Sanger

