Das Vaterspiel
Handlung
Töten ist die einzige Befriedigung, die Ratz in seinem sinnleeren Dasein geblieben ist. Schon über Dreißig lebt der ungepflegte Exstudent immer noch zu Hause. Gegen die Autorität seines Vaters, eines Abgeordneten, der die alkoholsüchtige Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hat, wagt Ratz nicht aufzubegehren. Symbolisch vernichtet er die übermächtige Vaterfigur in einem Computerspiel, an dem er arbeitet.
Aus seiner Lethargie, welche für Ratz ein langsames abgleiten in eine Psychose bedeutet, reißt ihn ein Anruf seiner einstigen Kommilitonin Mimi. Er folgt ihr in die USA, wo er ihr beim Ausbau einer heruntergekommenen Kellerwohnung helfen soll. Ein alter Mann hält dort sich selbst gefangen: Mimis Großvater, der ein gesuchter NS-Verbrecher ist.
Meinung
Dem österreichischen Regisseur und Drehbuchautor Glawogger gelingt mit "Das Vaterspiel" ein bedrückendes Drama über Aggression und Isolation. Der Film ist ein Psychothriller, indem die Gewalt seelischer Natur ist. Ein Krimi, in dem die Morde virtuell sind. "Das Vaterspiel" macht eine durch ein austauschbares Foto veränderlichen Person zum Feind, der in dutzendfacher Ausführung vom Spieler niedergeschossen werden muss. Auf drei Zeitebenen wird “Das Vaterspiel” gespielt. In den fünfziger Jahren gibt ein Überlebender einen verstörenden Bericht über NS-Verbrechen zu Protokoll. Ein Mörder spricht beiläufig von seinen Taten, keine Sühne, kein Abschließen mit der Vergangenheit, weder mit der historischen noch der individuellen. Töten ist die einzige Befriedigung, die Ratz in seinem sinnleeren Dasein geblieben ist und seine Gefühle für Mimi sind pathologisch-destruktiv wie seine inzestuöse Schatten tragende Anhänglichkeit an seine Schwester. Seinen Hass auf seinen Vater ist zur Obsession geworden, die das Abreagieren innerhalb des Spiels nicht mildern kann.
Selten gelingt es einem Film, eine ähnlich komplexe und vielschichtige Handlung so konzentriert zu inszenieren. Alltagsgegenstände erlangen ein bedrohliches Äußeres. Wie Alptraumvisionen wirken die trüben, kühlen Kamerabilder. Die Gefängnisse in "Das Vaterspiel" sind unsichtbar oder selbst gewählt. Auf der nächtlichen Autobahn sieht Ratz sich selbst als Protagonisten des von ihm entworfenen Spiels. Das emotionale Erleben wiegt für die Charaktere schwerer als die Realität. Ihre Lügen und Unterdrückungsmechanismen erweisen sich als zweischneidig: Neben ihren Mitmenschen verletzen sie auch sich selbst. In einer bizarren Wendung entpuppt sich die allmächtige Vaterfigur als Konstrukt: Die Unmöglichkeit, seine Lebenslügen aufrecht zu erhalten, treibt Ratz´Vater in den Selbstmord. Seine zweite Frau setzt die heuchlerische Fürsorge des Toten fort, indem sie Ratz unterschwellig die Schuld an dessen Selbstmord zuschiebt.
Die Vermarktung seines Computerspiels ist für Ratz nebensächlich geworden. Essentiell ist es für ihn allein als Medium, um seinen unterdrückten Hass auszuleben. Ratz´ äußerlich zur Schau gestellte Normalität, die Hauptdarsteller Helmut Köpping mit beunruhigender Überzeugungskraft spielt, unterstreicht seine emotionale Abgründigkeit. "Wer mag schon seinen Vater?", bemerkt Ratz beiläufig gegenüber Mimi. Später pflichtet er einem potentiellen Vertreiber seines Computerspiels bei, dass alle Kinder ihre Eltern lieben.
"Das Vaterspiel" verwendet das Motiv der übermächtigen Vaterfigur als Metapher für das unentrinnbare Erbe einer Generation. Mimis Großvater fühlt keine Reue. Er fristet sein Dasein im Keller, im Glauben, seiner Bestrafung entkommen zu sein. Sein unbetroffenes Sprechen vom Massenmord ist ebenso verstörend wie Mimis zwischen Abscheu und falschem Pflichtverständnis schwankendes Versorgen des altersschwachen Verbrechers. Die Mitschuld, welche ihre Mutter und Großmutter durch das Verstecken des Täters auf sich geladen haben, übernimmt Mimi trotz ihrer emotionalen Ablehnung des Großvaters. Nachdem Ratz´ Vater als Feindbild ausgelöscht ist, setzt er sein eigenes Gesicht an dessen Stelle. Die spielerische Vernichtung des Feindbildes, wie sie "Das Vaterspiel" auf Ratz´ Computerbildschirm zeigt, ist die ultimative Vermeidung einer Aufarbeitung. Die letzten Worte sind ein ironisch-nihilistischer Endpunkt:
Game Over. Die nächste Runde kann beginnen.
Ratz: Helmut Köpping
Mimi: Sabine Timoteo
Ratz´Vater: Christian Tramitz
Ratz´Schwester: Franziska Weisz
Regie: Michael Glawogger | Deutschland, Österreich, 2009
Länge: 117 min | FSK: ab 12 | Buch: Michael Glawogger | Kamera: Attila Boa | Schnitt: Vessela Martschewski | Szenenbild:Bertram Strauss | Musik: Olga Neuwirth | Produktion: Degeto Film, Lotus Film, Newgrange Pictures, Polaris Films, Schenk Productions, Tatfilm

