Das Ruhekissen
Handlung
Nicht einmal, nein gleich mehrmals schließt die atemberaubend schöne Genevieve ihre Pariser Etagenwohnung ab. Sie ist eine junge Studentin mit einem Schuss Angstneurose und einer Prise bourgeoisen Ordnungswahn. Unverhofft prasst ein Geldsegen in Form eines Erbes auf die sinnliche Schönheit ein und sie macht sich zur Regelung dieses Erbes auf dem Weg nach Dijon. Eher durch Zufall gerät sie dort in das falsche Hotelzimmer und rettet somit dem lebensmüden Renaud das Leben. Dieser heftet sich ungeniert an die Fersen seiner Retterin. Doch wer hätte das Gedacht, der junge dem Tod noch mal von der Schippe entsprungene Renaud erweist sich als Boheme und attraktiver Draufgänger. Die neurotische Genevieve verliert sich von nun an in einem Strudel von Devotismus und Hörigkeit und läutet damit eine Achterbahnfahrt der Leidenschaft ein.
Meinung
Wer nun denkt; oh je, was für eine antifemininistische Geschichte, der sei entwarnt. Die Romane Christiane Rocheforts handeln viel mehr von sozialen Missständen sowie dem Kampf gegen verkrustete Moral und Denkvorstellungen. So hat sich der Regisseur Roger Vadim 1962 keinem brandneuem Stoff zugewandt, einem jedoch damals wie auch teilweise noch heute brandaktuellem Stoff.
Auch Designliebhaber kommen auf ihre Kosten, wenn die immer tadellos gekleidete Brigitte sich durch ihre mit Einrichtungsklassikern vollgestopften Räumlichkeiten bewegt. Grundsätzlich sind die Filmkulissen traumhaft. Partiell in Italien gedreht, ist der Film zugleich eine Hommage an die großen Bauten und Villen der florentinischen Landstriche. Diese werden zeitweise durch Sonneaufgänge in honig-milchiges Licht getaucht und forcieren dadurch die Handlung zu etwas Erhabenem.
Die Geschichte ist eigentlich altbekannt: Das naive Dummchen mit minimiertem Horizont verfällt dem gemeinen und narzisstischen Draufgänger. Dieser nimmt sich ungefragt, was er möchte, und strahlt gerade dadurch dandyhafte Verruchtheit aus. Nichtsdestotrotz ist es eine anmutende Geschichte, erzählt sie doch von der immerwährenden Suche der Menschen nach Erfüllung, die alles nach sozialem Standard messbaren schon besitzen, jedoch eine zwickende, für sie nicht verständliche Leere empfinden. Im Kontrast dazu steht der überschäumende Denker und Anarcho, der von seinem fortlaufenden Zweifeln an der Welt und ihren stoischen Abläufen getrieben wird. Immerzu verzweifelt er an dem, was er durch seine Weitsicht befähigt ist, zu erkennen, und der Depression, die einhergeht mit dem Zuviel an Erkenntnis. Sie hingegen manifestiert den naiven Drang nach Ausbruch und Kontrollverlust einer marginalisierten Frau, auf eine eigenständige Rolle in der Gesellschaft hoffend und nach sexueller Befreiung dürstend. Letzteres darf der stimulierte Zuschauer sogar Ansatzweiße miterleben. Eine wunderschöne, nackte Bardot wärmt sich dort selbstbewusst am Kaminfeuer. Demnach ist der Film nicht nur durch eine bezaubernd aussehende BB ein Hingucker. Auch die Thematik ist überzeugend, vielleicht etwas klischeehaft, jedoch in keinem Punkt des Filmes tranig oder zähflüssig.
Es ist sogar erquickend, am Ende zu erkennen, dass unser ständig alkoholisierter Boheme Renaud sich der Liebe als Hoffnungsloser und Getriebener vor die Füße wirft und ausruft: „Nimm mich in Ketten, ich kann nicht mehr, bin müde, hisse die weiße Fahne und gebe auf, heirate mich!"
Ausgeschlafen.
Genevieve: Brigitte Bardot
Renaud: Robert Hossein
Regie: Roger Vadim | Frankreich, Italien, 1962
Länge: 102 min | FSK: ab 12 | Buch: Roger Vadim | Kamera: Armand Thirard | Szenenbild: Jean André | Schnitt: Victoria Mercanton | Musik: Michel Magne | Produzent: Francis Cosne

