Das letzte Schweigen


Handlung

Sinikka ruft nicht zurück. „Lass ihr doch den Spaß.“, beschwichtigt ihre Mutter Ruth ihren Mann Karl. Die Freunde, mit denen die Elfjährige auf dem Rummelplatz verabredet war, tauchen nicht auf. Statt ihrer trifft Sinikka ihren Mörder. Ihre am Feldweg gefundenen Sachen, das Alter des Mädchens, der Tag, alles ist wie damals. Vor 23 Jahren wurde schon einmal ein Mädchen ermordet. Mit dem erneuten Verbrechen bricht die Vergangenheit über die Einwohner der beschaulichen Kleinstadt herein. Elena, die Mutter des ersten Opfers Pia, ist in Trauer über den Tod ihrer Tochter erstarrt. Obwohl frisch pensioniert, sieht Kommissar Christian Mittich seine letzte Chance, den ungelösten Kriminalfall von einst abzuschließen. Dessen ehemaliger Kollege Grimmer hält wenig von Mittichs Einmischungen, noch weniger von den Ermittlungsansätzen des nach dem Krebstod seiner Frau verstörten Kommissars David Jahn.


Der verheiratete Familienvater Timo wiederum wird durch die Nachricht von der Tat mit der Schattenseite seiner Seele konfrontiert. Denn Schweigen kann die grausamste Lüge sein.


Meinung

„Warum sollte nach so vielen Jahren das Gleiche passieren, hier, an der selben Stelle? Das kann doch nur ein Zufall sein.“ Dass es natürlich kein Zufall ist, begreift der Zuschauer im Gegensatz zu Grimmer sofort. In Jan Costin Wagners mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnete Romanvorlage „Das Schweigen“ sind es 33 Jahre, nach denen der neue Mord geschieht. Die Primzahl war Baran bo Odar zu viel der bedeutungsvollen Anspielungen. Dafür hält das Kinodebüt des Drehbuchautors und Regisseurs an anderer Stelle umso mehr gewichtige Düsterkeit bereit. Bedrohlich grinst von einem Karussell ein überdimensionales Clowns-Gesicht auf Sinikka herab. Die Geister der Vergangenheit starren David in seinen Alpträumen an. Das in Wagners Roman weit bedeutendere Motiv des Verdrängens, welches der Autor in unterschiedlichen Facetten vorführt, übersetzt die Adaption in Holzhammer-symbolik. Stille Wasser sind tief: Der See, in dem die Mädchenleichen verschwinden, und der in ein gutbürgerliches Familienleben untergetauchte Täter.


Dass es davon zwei gibt, ist eine Handlungsvariation, deren Raffinesse das Script über-fordert. Nicht nur entsteht der Eindruck, abstoßende Verbrechen sollten dadurch gesühnt sein, einen anderen Schuldigen in den Tod zu treiben. Dass sich der zweite Täter so nebenbei eines Mitwissers entledigt, bleibt gänzlich ausgeblendet.


Wotan Wilke Möhrings mimische Apathie als verschlossener Timo ist so wenig überzeugend wie Sebastian Blombergs groteskes Overacting und die missglückten Versuche, die Schauspieler in Rückblenden um 23 Jahre zu verjüngen. Oliver Stokowski sorgt als Unsentimentalist vom Dienst für Komik, von der man nicht weiß, ob sie unfreiwillig ist oder den ernsten Stoff mit ungelenkem Humor auflockern soll. Heißt es in einer Szene „Es gibt Probleme mit dem Fundament.“, gilt das auch für die unausgegorene Mischung aus Thriller und Melodram. Weder starke Momente wie das Auswählen des Opfers, noch die über-zeugenden Leistungen von Katrin Sass, Ulrich Thomasen und Jule Böwe können das Kriminaldrama vor dem Trash-Niveau bewahren. Ob Täter, Pensionär oder Fremdermittler, jeder kann sich in „Das letzte Schweigen“ glaubhaft als Kommissar ausgeben, Einwohner spazieren pünktlich an der Mordstelle vorbei, um wichtige Informationen auszuplaudern und eine Jugendgruppe radelt just am Seeufer entlang, um die unbefriedigende Auflösung des Falls zu beobachten. Dass sie ihren Gatten vernachlässigt, merkt Sinikkas Muter am Tod des Hamsters: „Verdurstet. Willst du einen Kamillentee?“ Den braucht auch der Zuschauer, wenn selbst Polizisten solch widersinnige Fragen stellen: „Hatte sie vielleicht einen Freund, von dem Sie nichts wussten?“ Schweigen ist eine Sprache, die nur wenige beherrschen. Odars Kinodebüt zählt trotz interessanter Ansätze nicht dazu.

Mörderischer Schatten der Vergangenheit.

von Lida Bach



Ruth Wegemann: Karoline Eichhorn
Karl Wegemann: Roeland Wiesnekker
Elena: Katrin Sass
Christian Mittich: Burghart Klaußner

David Jahn: Sebastian Blomberg
Timo: Wotan Wilke Möhring
Grimmer: Oliver Stokowski

Regie: Baran bo Odar | Deutschland, 2010

Länge: 110 min | FSK: ab 12 | Buch: Baran bo Odar | Kamera: Nikolaus Summerer | Szenenbild: Yesim Zolan, Christian M. Goldbeck | Musik: Christian Steininger, Michael Kamm | Schnitt: Robert Rzesacz | Produktion: Jörg Schulze, Frank Evers, Florian Schneider, Maren Lüthje