Das Gespenst der Freiheit


Handlung

Der Film beginnt mit einer Erschießungsszene Anfang des 19. Jahrhunderts, wandert dann weiter zu einem Kinderspielplatz, auf dem ein Mann in schwarz Kindern unanständige Bilder mitgibt, auf denen aber keine nackten Menschen, sondern berühmte Bauwerke abgebildet sind. Weitere Episoden zeigen unter anderem ein nächtliches Treffen in einem Gasthof, die Suche nach einem verschwundenen Kind, das ständig präsent ist, einen gemeinsamen Abend, bei dem man nicht zusammen isst, sondern stattdessen gemeinsam in der Runde auf dem Klo sitzt. So wenig diese Episoden durch eine fortlaufende Handlung verbunden sind, desto konsequenter kehren doch ständig die gleichen Themen wieder: Gesellschaftliche Regeln und Konventionen, die die Freiheit zum Gespenst machen.

Meinung

"Das Gespenst der Freiheit", der vorletzte Film des großen spanischen Regisseurs Luis Buñuel und sein letzter nach einem Originaldrehbuch, zeigt eine Folge von gut einem halben Dutzend Episoden, die mehr oder weniger zufällig miteinander verknüpft werden. Konsequent vermeidet Buñuel jede Weiterführung einer Episode, ist sie einmal abgeschlossen. Der Film ist einer der absurdesten und gleichzeitig auch einer der komischsten und spielerischsten Filme von Buñuel. In einer losen Folge von Episoden geht er mal mehr mal weniger ernsthaft der Frage nach, was "Freiheit" bedeutet, was sie möglich macht und was sie verhindert. Dabei entsteht ein Kaleidoskop der Gesellschaft: Wir begegnen Mönchen, Polizisten, mehreren Aristokraten, wir sind zu Gast in der Schule, in einer Herberge, im Gerichtssaal und auf dem Spielplatz. Immer wieder stößt Buñuel auf der Suche nach der Bedeutung von Freiheit auf gesellschaftliche Konventionen, die das entscheidende Merkmal menschlichen Zusammenlebens sind.

Was diesen Film nun so einzigartig macht, ist Buñuels Fähigkeit, mit vollkommenem Ernst Situationen darstellen, die uns völlig vertraut sind, in denen aber eine Prämisse ins Gegenteil verkehrt ist. Zum Beispiel das abendliche Zusammenkommen zweier Paare samt Kindermädchen und Kind: Man setzt sich nicht zu Tisch, um gemeinsam zu essen, sondern um gemeinsam zu sch.... Zum Essen, ein Wort das nur unter vorgehaltener Hand in den Mund genommen werden darf, verzieht man sich dagegen in eine kleine Kammer, die damit "besetzt" ist. Dieses Ritual ist mit einer solchen Präzision wie ein festliches und feines Abendessen inszeniert, wie es wohl nur Buñuel vermag. Oder der Perverse auf dem Spielplatz, der den Kindern Bilder mitgibt, die – wie man einige Zeit später sieht, nachdem die Mutter einen Riesenschreck bekommen hat – berühmte klassische Bauwerke (als Höhepunkt der Unanständigkeit Sacré-Cœur) darstellen. Der veränderte Kontext entzieht dem normierten Verhalten der Figuren seinen Sinn und entblößt so immer wieder die Äußerlichkeit im Umgang der Menschen miteinander. Da der Film immer wieder um die gleichen Themen kreist, stellen sich im Verlauf des Films immer wieder neue Assoziationen ein, und obwohl keine Episode wiederaufgenommen wird, entsteht so ein ungemein reichhaltiger Film über das menschliche Zusammenleben.

Natürlich spielt auch die Sexualität eine zentrale Rolle. Als echter Freudianer bringt Buñuel die versteckten Lüste seiner Figuren immer wieder ganz an die Oberfläche: So ist die Schwester des Polizeipräfekten, die sein Wohlgefallen mit ihrem Klavierspiel erregt, splitternackt, und auch eine S/M-Szene, diesmal vor den Karten spielenden Mönchen, darf nicht fehlen.

Dass dieser Film nun nicht einfach ein trockenes Lehrstück ist, sondern vor allem immer wieder umwerfend komisch, liegt sicherlich zu einem großen Teil an dem durchweg wunderbaren Darstellerensemble, das Buñuel für diesen Film versammelt hat: Julien Bertheau, Jean-Claude Brialy, Paul Frankeur, Michel Piccoli, Jean Rochefort, Monica Vitti sind nur einige der Namen. Die Schauspieler agieren durchweg mit einer situativen Genauigkeit und einer wunderbaren Mischung aus Reserviert- und Erregtheit. Die große Spiellaune des gesamten Ensembles ist nicht zu übersehen und reißt immer wieder mit.


Buñuel findet das menschliche Zusammenleben vor allem von arbiträren gesellschaftlichen Konventionen und unterdrückten unbewussten Wünschen bestimmt. In der wunderbaren letzten Episode, die mit Großaufnahmen von Tieren im Zoo mit Schreien Erschossener aus dem Off schließt, vermeint man schließlich in jedem tierischen Blick menschliche Regungen zu entdecken. So endet der Film genauso wie er begann – mit wilden Schreien in anarchischem Chaos.


Die Konventionen der Freiheit.

von Logolt



Mme Foucaud: Monica Vitti
Foucauld: Jean-Claude Brialy
L'aubergiste: Paul Frankeur

Mr. Legendre: Jean Rochefort
Le premier préfet de police: Julien Bertheau
Le second préfet de police: Michel Piccoli

Regie: Luis Buñuel | Italien, Frankreich, 1974

Länge: 100 min | FSK: ab 12 | Buch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Edmond Richard | Szenenbild: Pierre Guffroy | Schnitt: Hélène Plemiannikov | Produktion: Ulrich Picard, Serge Silberman