Das ganze Leben liegt vor dir


Handlung

„Marta hatte das Gefühl, den Platz ihrer Bestimmung gefunden zu haben. Ein Platz, von dessen Existenz sie nichts ahnte, als sie im Dunkel der Unwissenheit lebte.“, heißt es über Marta, die gerade ihr Philosophiestudium abgeschlossen hat. Der Platz ist in einem Call-Center, vermittelt von Martas Freundin Sonia, deren kleine Tochter Marta betreut. Unter den Augen der strengen Chefin Daniela müssen die Mitarbeiterinnen albernes Motivationstraining ausüben und sinnlose Haushaltsprodukte verkaufen. Sonia, bei der Marta untergekommen ist, stürzt sich von einer Affäre in die nächste. Marta hingegen beginnt sich für den Aktivisten Giorgio zu interessieren. Ausgerechnet er engagiert sich in der Arbeitergewerkschaft gegen ausbeuterische Unternehmen wie das Call-Center. Das ganze Leben liegt vor Marta – und sie muss entscheiden, wie sie es führen will.

Meinung

Wie ein unbeschwertes Musical beginnt „Tutta la vita davanti“. Auf dem Weg zur Arbeit sieht Marta in einem wiederkehrenden Tagtraum ihre Mitmenschen tanzen. Nur sie selbst „kannte die Schritte noch nicht“, verrät die Erzählerstimme. Eine aufgeschlossene junge Frau lebt plötzlich in der streng choreografierten Erwachsenenwelt, deren Gangart sie erst lernen muss. Wer es angesichts der bildlichen Metaphern nicht begreift, hört es unmissverständlich von der Erzählerin. Sein junges Zielpublikum scheint der italienische Regisseur Paolo Virzi für ähnlich begriffsstutzig zu halten wie seine Charaktere. Jung und unbeschwert will „Das ganze Leben liegt vor dir“ sein, koste es, was es wolle. Im Falle von „Tutta la vita davanti“ sind es Dramatik, Kontinuität, Charakterentwicklung. Virzi changiert nervös zwischen Komödie, Jugendfilm und Drama. Von Martas visualisierten Fantasien springt er zu misslungener Sozialsatire. Trotz der überzeugenden Darstellerin Isabella Ragonese bleibt die Hauptfigur oberflächlich. Virzis vermeintlich mit dem harten Berufsalltag junger Menschen sympathisierender Blick kann dessen belehrende Altklugheit nicht kaschieren. Die gönnerhafte Perspektive passt zum Filmtitel. „Das ganze Leben liegt vor dir“ fällt in eine Kategorie mit „Kindchen, wirf' dein Leben nicht weg!“ und „In deinem Alter mussten wir früher... (zehn Kilometer zur Schule laufen, im Winter Kohlen schleppen, harte Brotkanten zu Weihnachten essen).“ Jene Sätze, mit welchen Erwachsene Probleme junger Menschen negieren oder Ermahnungen einleiten. „Das ganze Leben liegt vor dir“ tut beides.

Dass Martas an Krebs sterbende Mutter sie erstmals äußert, unterstreicht die Subjektivität der titelgebenden Aussage. Nur totkranken alten Leuten erscheint Mitte zwanzig als „vor dem Leben“. Sonias Tochter im Grundschulalter verweist auf eine andere Realität, doch von der will die Komödie wenig wissen. Die Geldnot Martas und ihrer Kolleginnen bleibt eine leere Behauptung. Wenn Telefonistinnen Designerkleidung und Markenschuhe tragen, kann das Italien unter Berlusconi so arm nicht sein. Vielleicht ist der Ministerpräsident persönlicher Förderer der attraktiven Call-Center-Mitarbeiterinnen, die alle aussehen, als würden sie nach Feierabend auf seiner Yacht tanzen. Gebildete junge Mädchen sind eben selbst Schuld, wenn sie sich die Zukunft als sexy Chica verbauen. Wozu „Summa cum laude“ in Philosophie? Eine Dissertation über Heidegger und Jung braucht das postmoderne Italien so wenig wie die multifunktionelle Küchenmaschine, die Marta im Call-Center ihren Kunden andreht, behauptet die Komödie unterschwellig. Das nutzlose Produkt wird Marta im Gegensatz zu ihrer Abschlussarbeit spielend los. Ironie des Schicksals – nur leider nicht des Films. Parodiert wird nicht ein chancenloses Berufssystem, sondern dessen Opfer. Den titelgebenden Satz hört Marta mehrfach in abgewandelter Form. Doch die Prämisse entpuppt sich als trügerisch. Die Zukunft, die sich vor ihr auftut, besteht aus schlecht bezahlten Teilzeitjobs, früher Mutterschaft und sozialer Randständigkeit. Da springt mancher lieber vor den Zug. Doch nachdenkliche Zwischentöne wie Martas Telefonat mit der Angehörigen einer jungen Selbstmörderin verhallen unbeachtet neben den fröhlichen Rhythmen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Titel als blanker Hohn. Ist er wohl auch.

Lebe lieber gar nicht ungewöhnlich.

von Lida Bach



Marta: Isabella Rogese
Sonia: Micaela Ramazotti

Daniela: Sabrina Ferilli
Giorgio: Valerio Mastandrea

Regie: Paolo Virzi | Italien, 2008

Länge: 117 min | FSK: ab 12 | Buch: Paolo Virzi, Francesco Bruni | Kamera: Nicola Pecorini | Szenenbild: Davide Bassan | Musik: Franco Piersanti | Schnitt: Esmeralda Calabria | Produktion: Paolo Virzi