Chloe


Handlung

Es ist das Protokoll einer Affäre. Jedes pikante Detail davon erzählt die junge Chloe der älteren Catherine. Chloes Liebhaber ist Catherines Ehemann David. Catherine selbst hat die Prostituierte Chloe auf den Universitätsprofessor David angesetzt, den sie einer Beziehung zu einer Studentin verdächtigte. Jedes Treffen der Frauen führt zu intimeren Enthüllungen über Davids und Chloes Affäre. Schleichend vertieft sich die Intimität zwischen der beherrschten Catherine und der verführerischen Chloe. Zu spät begreift Catherine, wie eng sich ihre amouröse Intrige mit ihrem Familienleben mit David und ihrem jugendlichen Sohn Max verwoben hat.


Catherines Verhältnis zu Chloe wird für beide Frauen immer mehr zur Obsession, von der Catherine sich lösen will. Sie ahnt nicht, wie nah Chloe ihr tatsächlich ist.


Meinung

Wer ist die Nutte? Während des gemeinsamen Besuchs eines Edellokals schlägt ein Freund Catherines und Davids vor, dies von den weiblichen Besucherinnen zu erraten. Das ausbeuterische Spiel der Gesellschaft wird in ein zynisches Gesellschaftsspiel transformiert. Regisseur Atom Egoyan kleidet seine psychologische Studie über die Manipulierbarkeit von Emotionen in das Gewand eines erotischen Thrillers. Nach außen hin geht Catherine nicht auf das vorgeschlagene Spiel ein. Insgeheim weiß sie, es längst gewonnen zu haben, als sie kurz zuvor zum ersten Mal mit Chloe sprach. Instinktiv ahnt Catherine, wen und wie sie ihr Umfeld manipulieren kann. Der Anschein der idealen Gattin und fürsorglichen Mutter ist ihre komplexeste Manipulation. Um dieses Bild aufrecht zu erhalten, muss Catherine es vollkommen kontrollieren. Sie bestimmt, mit wem ihr fast erwachsener Sohn schläft, sie bestimmt, wie viel David flirten darf. Ihre vermeintliche Sorge ist tatsächlich ein sich insbesondere auf die Sexualität ihrer Familie erstreckender Kontrollzwang. Unter diesem Kontrollzwang leiden nicht nur ihr Ehemann und ihr erwachsener Sohn, sondern auch sie selbst. Stets tritt Catherine makellos und beherrscht auf. Dass Davids Gefühle ihr gegenüber abgekühlt sind, scheint die Konsequenz von Catherines eigener Gefühlskälte. Als sie ihn verdächtig, sie zu betrügen, bekommen ihr tadelloses Lebenskonstrukt und ihr Machtbewusstsein Risse. Indem sie durch Chloe Davids Affäre und dessen Liebesobjekt kontrolliert, erlangt sie ihren bedrohten Einfluss zurück. Chloes detaillierten Beschreibungen ihrer Affäre mit David zu lauschen, empfindet Catherine immer stärker als erregend, nicht auf Grund deren Erotik, sondern ihrer Macht über das Paar. Durch Chloe kann sie indirekt ihre sexuellen Fantasien ausleben, ohne ihr makelloses Selbstbild zu gefährden.

Chloe ist die Verkörperung der unterdrückten Begierde, welche Catherine in ihrer Beziehung mit David nicht zulassen will. Sie ist das Es, welches Catherine eliminieren muss, um ihr seelisches Gleichgewicht zurück zu gewinnen und wie zuvor Über-Ich zu sein. Ähnlich einem weiblichen Hyde ist Chloe jünger, physisch unvollkommener und emotional unbeherrschter als ihr Alter Ego Catherine. Ihr Erfolg bei den Männern verdankt sie jedoch gerade der emotionalen Anteilnahme, welche sich Catherine verbietet. Dies macht Chloe verwundbar, gleichzeitig jedoch auch Catherine, die ihre psychische Schutzmauer nur noch mühsam aufrecht erhalten kann. Umso intensiver Catherines Lust wird, umso mehr gefährdet sie ihre Selbstbeherrschung. Nur in der Hingabe kann Catherine ihre Begierde ausleben und sich dadurch von ihr befreien. Das Wiedererlangen völliger Kontrolle erfordert paradoxerweise den temporären Kontrollverlust. Danach ist Chloe für Catherine überflüssig. Als lästige Zeugin und verbrauchtes Lustobjekt muss sie entsorgt werden. Die Figur der Chloe hieß im französischen Original des Spielfilms „Nathalie“. Die semantische Angleichung der Namen der Hauptfiguren betont die seelische Verwandtschaft der beiden Frauen. Jede instrumentalisiert Sexualität und Emotionen anderer auf ihre eigene Art. Chloes Suche nach einer mütterlichen Partnerin spiegelt Catherines dunkel angedeutetes inzestuöses Begehren für ihren Sohn Max. Mittels dezenter Hinweise und inszenatorischer Details legt Egoyan die Fährte zu seinem doppelbödigen Ende. „Chloe“ ist weder so spannend noch verführerisch wie ein Erotikthriller sein könnte - doch eine der aufregendsten Studien der pathologischen Seite amerikanischen Anstands.

An affair to remember.

von Lida Bach



Chloe: Amanda Seyfridge
Catherine: Julianne Moore

David: Liam Neeson
Michael: Max Thieriot

Regie: Atom Egoyan | USA, Kanada, 2009

Länge: 99 min | FSK: ab 12 | Buch: Erin Cressida Wilson | Kamera: Paul Sarossy | Szenenbild: Philip Barker | Musik: Mychael Danna | Schnitt: Susan Shipton | Produktion: Ivan Reitman, Joe Mejuck, Jeffrey Clifford