Bright Star
Handlung
Anfang des 19. Jahrhunderts begegnen sich der mittellose Dichter John Keats und die junge Näherin Fanny Brawne. Aus der anfänglichen Abneigung der beiden keimt eine zarte Romanze, doch Keats finanzielle Lage steht einer Ehe mit Fanny, die einer wohlhabenden Familie entstammt, im Wege. Keats Freund und Gönner Mr. Brown sieht die Beziehung der beiden skeptisch und Mrs. Brawne fürchtet, die Liaison könne dem Ruf ihrer Tochter schaden. Als Keats an Lungentuberkulose erkrankt, muss er Fanny für einen längeren Kuraufenthalt verlassen. Ihre Gefühle teilen sich die Liebenden in poetischen Briefen mit. Nach Keats Rückkehr haben seine Werke bei Publikum und Kritikern weiterhin kaum Erfolg. Eine Heirat mit Fanny rückt weiter in die Ferne und Keats Gesundheitszustand verschlechtert sich zunehmend. Die Liebenden ahnen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt.
Meinung
Für immer an der Liebsten schwellender Brust ruhen oder dahin schwinden - so wünscht es sich John Keats in dem Gedicht, welches Campion als Filmtitel verwandte. Sein Wunsch ging in Erfüllung, allerdings wohl anders, als es Keats vorschwebte. Er schwand dahin, am klassischen romantischen Künstlerleiden Schwindsucht. Zu Lebzeiten kaum bekannt, wurde John Keats nach seinem Tod als einer der bedeutendesten Dichter der Romantik erkannt. Ein junger Poet, Liebe gegen gesellschaftliche Konventionen, unerfülltes Verlangen und ein tragisch früher Tod – wie geschaffen ist das Leben John Keats für eine Filmbiografie.
Die australische Regisseurin Jane Campion jedoch stilisiert alles Leben aus der Handlung und den Charakteren. Auf der Leinwand werden Charaktere und Gefühle von einer Überzahl sentimentaler Accessoires erstickt. Die Szenerie strahlt die kalte Perfektion eines Gartenbaukatalogs aus. In der künstlichen Landschaft, durch welche die Figuren zwei ermüdend lange Filmstunden spazieren, sind selbst Fannys Geschwister nur dekoratives Beiwerk. In einer skurrilen Szene trägt Fannys kleine Schwester ein welkes Blatt an den Bildrand. Keinen Makel darf die idealisierte Feld- und Wiesenlandschaft haben. Von Schmetterlingen umflatterte Blütenkörbe und Pflanzengebinde werden allerorten ins Bild gerückt, als sei Keats Botaniker statt Dichter gewesen. Bienen und Blüten scheinen in "Bright Star" auch die Kinder zu machen. Die Filmromanze verwehrt dem angeblichen Paar Fanny und Keats physische Liebesbekundungen. Zuneigung vermittelt sich nicht in sehnenden Blicken, entlädt sich nicht in flüchtigen Berührungen oder deutet sich in Dialogen an. In den detailliert inszenierten Bildkompositionen Campions ist Romantik ein gekünsteltes Konstrukt. Sie hallt nur in den Briefen und Versen nach, welche Keats und Fanny in "Bright Star" zitieren.
Dass die echten Liebenden so prüde waren, dass sie keinerlei Lust verspürten, fällt schwer zu glauben. "Bright Star" inszeniert diese übermächtige Keuschheit nicht als Folge repressiver gesellschaftlicher Moral, sondern negiert ein physisches Begehren zwischen dem Paar. Was Fanny und Keats miteinander verbindet, bleibt rätselhaft. Zwischen ihnen herrscht keine innige Freundschaft, kein intellektueller Austausch, keine zärtliche Fürsorge, Leidenschaft schon gar nicht. Beide erscheinen wie Nachbarn, die mangels anderer Kontakte miteinander Zeit verbringen. Als Keats im Nebenzimmer ruht, rückt Fanny ihr Bett an die Wand, um ihm näher zu sein, ohne die Grenzen der Sittsamkeit zu überschreiten. Die Körperfeindlichkeit mündet in einem gemeinsam Zitieren von Keats "La belle dame sans merci", dessen letzte Strophe der antiseptische Höhepunkt wird. Dass die grobschlächtige Fanny Brawne, wie Campion sie in "Bright Star" darstellt, das melancholische Liebesgedicht inspiriert haben soll, ist schwer vorstellbar. Vor dem mittellosen Keats prahlt Fanny mit ihren selbst entworfenen Kostümen, heuchelt literarische Bildung und drängt sich in den Mittelpunkt. Wie ein trotziges Kind mault sie, als der schwindsüchtige Keats in ein milderes Klima reisen will. Dass Campion die eintönige Fanny statt des Dichters zur Hauptfigur erkor, verwundert nicht. "Bright Star" ist so selbstvernarrt wie die Titelfigur. Die Romanze gleicht einem der Schmetterlingen, welche Fanny verenden lässt: Ein hübsch anzusehendes Stück tote Natur.
Was nützt die Liebe in Gedanken?
John Keats: Ben Wishaw
Fanny Brawne: Abbie Cornish
Mr. Brown: Paul Schneider
Mrs. Brawne: Kerry Fox
Regie: Jane Campion | Großbritannien, USA, 2009
Länge: 120 min | FSK: ab 6 | Buch: Jane Campion | Kamera: Greig Fraser | Szenenbild: Janet Patterson | Schnitt: Alexandre de Franceschi | Musik: Marc Bradshaw | Produktion: Jan Chapman

