Brand upon the Brain!


Handlung

Eine doppelte Schicht Farbe soll alles Verdecken. Weiß, rein, sauber. Guy Maddin soll den alten Leuchtturm auf der Insel seiner Eltern neu streichen. So verlangt es Guys tyrannische Mutter, die schon früher von der Spitze des Leuchtturms mit ihrem Fernrohr jedes Geheimnis Guys und seiner Schwester ausspähen wollte. Vor allem die Geheimnisse des Herzens, angestachelt von Neid und Missgunst auf die Jugend durch Guys hübsche Schwester Sis. Black Notch, schwarzer Einschnitt, heißt die Insel, welche Guy einmal erben soll, mit dem Leuchtturm, dem Guy und Sis zusammen mit den Kindern aus dem von Guys Eltern geleiteten Waisenhaus aufwuchsen. Black Notch – und Guy erinnert sich: Familienessen, wie immer traurig. Sis, wie immer zu spät. Mutters Moralpredigten von Unkeuschheit und Sünde, ihre seltsamen Zärtlichkeiten. Was haben sie und Vater, der im Keller bizarre Experimente durchführt, mit den unheimlichen Malen zu tun, die Adoptiveltern an den Kindern aus dem Waisenhaus entdeckten? Ein Fall für die „Lightbulb Kids“! Die Kinderdetektive Wendy und ihr Bruder Chance kommen nach Black Notch, um das Mysterium des „Gesichts im Leuchtturm“ zu lösen. Guy Maddin erinnert sich an die Rätsel, welche die jugendliche Sis und er mit Wendy und Chance, die man nie gemeinsam sieht, erforschten.


Die Kuss-Handschuhe, die Entkleidungs-Handschuhe, das magische Airophon – bevor er alles übermalt, mit drei Schichten Farbe, weiß, rein, sauber.

Meinung

Aber zuvor auf Zelluloid gefangen in Bildern, die sich durch ihre Schönheit und ihren Schrecken ins Gedächtnis brennen: „Brand upon the Brain!“ Eingebrannt ins Gehirn, Brandzeichen auf dem Gehirn. Die bizarren Erlebnisse des jungen Guy Maddins, welche sich in sein Gedächtnis fressen: Die gierigen Liebkosungen seiner Mutter und die freundschaftlichen Küsse der liebreizenden Wendy. Aus der Perspektive eines Charakters, der den Namen des Regisseurs trägt, werden die seltsamen Geschehnisse auf Black Notch erzählt. „Brand upon the Brain!“ ist keine Biografie tatsächlicher Ereignisse, sondern der Gefühle. Die Kamera dient Maddin als Zerrspiegel, der die von Grauen und Faszination durchsetzten Erlebnisse seiner Kindheit reflektiert. Maddin ist mehr Beobachter als Beteiligter. Im Zentrum seiner berauschenden filmischen Oper steht nicht die sich zu stummfilmhafter Theatralik hochschraubende Handlung, sondern die morbide Atmosphäre seiner Kindheit. Der Konflikt zwischen unterdrückter Sexualität und aufkeimenden Liebesgefühlen mündet in emotionaler und physischer Gewalt. Guy Maddin ist ein Symbolist des Kinos, der als Zeremonienmeister den Vorhang zum grandiosen Gruselkabinett seiner Kindheit öffnet. Satanische Messen, abgehalten von den Waisenkindern, Maddin, der in einer Barke auf Black Notch zu treibt. Die See wird zum Styx, an dessen anderem Ufer nicht die Unterwelt, sondern das Unterbewusstsein beginnt. Mittels emotionalen Drucks droht die dämonische Mutter die Gefühle und Leben ihrer heranwachsenden Kinder zu verschlingenden. Ihr Hunger nach Jugend lässt sie Kinderleichen fressen und rückwärts altern.

Die Ästhetik des frühen Tonfilms, klassischer Horrorwerke und des Stummfilms verknüpft Maddin zu Bildern von grausiger Schönheit. Die Eindruckskraft der Filme des kanadischen Regisseurs, welche gezielt die Sehgewohnheiten des Zuschauers mit ihrer Betonung von Klischees und stilisierten Inszenierungen unterminieren, lässt sich kaum beschreiben. Worte ersetzen Texttafeln, Persönlichkeiten verschmelzen. Guy Maddin ist Guy Maddin, Wendy ist Chance. Abgründe psychologischer Gewalt und inzestuöser Begierde tun sich auf. Geräusche scheinen aus einer fremden Welt zu kommen, in welche die Figuren auf der Leinwand nicht vordringen können, obwohl sie sich ihrer schmerzlich bewusst sind. „Brand upon the Brain!“ ist cineastisches Grand Guignol. Ein Zauberreich voll skurriler Charaktere, schwarzen Humors, aber auch zärtlicher Romantik. Es gibt keine Schönheit, welche das Bizarre nicht erhöhen könnte, diese Worte Charles Baudelaires setzt Maddin kongenial in seiner schwarz-weißen Stummfilmoper um. Drei Jahre dauerte es bis zu einem breiten Kinostart des filmischen Fiebertraums. Im Gedächtnis bleiben die Bilder für immer: „Brand upon the Brain!“

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von Lida Bach



Guy Maddin: Sullivan Brown
Sis: Maya Lawson
Mutter: Gretchen Krich

Vater: Todd Moore
Wendy: Katherine E. Scharhon

Regie: Guy Maddin | Kanada, USA, 2006

Länge: 95 min | FSK: ab 12 | Buch: Guy Maddin, Louis Negin | Kamera: Benjamin Kasulke | Szenenbild: Tania Kupczak | Musik: Jason Staczek | Schnitt: John Gurdebeke | Produktion: Amy Jacobson, Gregg Lachow