Blow Up
Handlung
Zwischen Shootings, Partys und beiläufigen Affären mit ehrgeizigen Modellen treibt das Leben eines Londoner Modefotografen vor sich hin: Erfolgreich, aber leer und unbefriedigend. Auf Motivsuche für einen Kunstfotoband, an dem er nebenbei arbeitet, nimmt er im Park ein Paar auf. Als die junge Frau ihn bemerkt, versucht sie aufgebracht, an den Film zu gelangen. Mit dem Versprechen, ihr die Negative zu geben, lockt der Modefotograf sie in seine Wohnung. Die undurchsichtige Fremde erzählt ihm, er habe auf den Fotos ihre geheime Affäre dokumentiert. Mit allen Mitteln versucht sie, die Filmrolle zu erlangen, um sie zu vernichten. Der Fotograf lässt sie stattdessen heimlich einen anderen Film mitnehmen.
Auf den entwickelten Abzügen glaubt er ein Verbrechen zu erkennen. Auf unzähligen Vergrößerungen versucht er, die Geschehnisse auf den Aufnahmen zu entschlüsseln. Doch je extremer das Blow-up, desto unschärfer wird das Motiv.
Meinung
Die Oberfläche ist das Einzige, was bleibt. Man kann das Objekt nach allen Seiten wenden, ganz nah herangehen oder es unendlich vergrößern. Am Ende wird man auf sie zurückgeworfenen: Die Oberfläche. Kaum ein anderer Film prägte und spiegelte die „Swinging Sixties“ wie Michelangelo Antonionis auf einer surrealistischen Erzählung Julio Cortazars basierender satirischer Thriller „Blow Up“. Mit seinem 1967 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Meisterwerk setzte Antonioni der Ära der Oberflächlich ein Denkmal, als sie gerade erst anbrach. Andy Warhol, der sich als „oberflächlich“ bezeichnete und vorgab, nur am Offensichtlichen interessiert zu sein, wurde als neuer Star der Kunstszene gefeiert. „Blow Up“ erkannte das Grelle, Laute, Materialistische als leere Hülle. In brillanten Dialogen voll trockenen Humors und ebenso pointierten wie visuell reizvollen Szenen erhebt er die Bedeutungslosigkeit zum Kult und kritisiert sie gleichzeitig scharf. Eine Welt des Scheins, makellos schön wie das Gesicht Veruschkas. Das deutsche Fotomodell ist eine der Ikonen der Sechziger, wie „die Blondine“ Jane Birkin und "The Yardbirds". „Blow Up“ führt sie vor und lichtet sie ab, wie der Hauptcharakter seine Modelle. Namenlose, deren Persönlichkeit in den unzähligen aufgesetzten Identitäten verloren gegangen scheint, verzerrt ins Übergroße und dadurch unkenntlich gemacht. Die aus der Extreme resultierende Omnipräsens ist gleichbedeutend mit Auslöschung. Der Fotograf ist Täter, Mitläufer und indirekt Opfer dieses Prozesses. Namenlos bleibt auch er selbst. In dieser Absolutheit liegt auch eine Sicherheit, eine beruhigende Gewissheit, welche der Fotograf letztendlich kreativer Unbeständigkeit vorzieht.
Die Überbewertung des Bedeutungslosen ironisiert „Blow up“ in der Szene eines Konzerts der Yardbirds. Die Fans stürzen sich auf den Hals der vom Lead Guitarristen zertrümmerten Gitarre. Außerhalb des Clubs ist das Bruchstück Müll. Nicht er gibt seinen Bildern ihre Bedeutung, sondern seine Kunden, der Abdruck in Magazinen, die auf ihnen abgebildeten Modelle – alle jene, welche er als kommerziell verachtet und als Fotomaterial verwertet. Ohne äußere Anerkennung ist seine Arbeit wertlos. Oberflächlich – überflüssig.
Hebt er in der letzten Szene bei einem pantomimischen Tennisspiel einen imaginären Tennisball auf, greift der von David Hemmings gespielte Hauptcharakter symbolisch nach dem Unsichtbaren, dem Un-Fassbaren, dessen Existenz er nicht selbst wahrnehmen, sondern nur dank anderer erahnen kann. Im selben Park beginnt „Blow up“, durch den johlend die Pantomime fahren. Gewiss ihres Siegs über die Oberflächlichkeit, gegen die der Fotograf verlieren muss. Er muss seine künstlerische Unfruchtbarkeit erkennen, sich selbst als passiven Re-Akteur. Gleich einem Spiegel vermag er nur zu reflektieren. Wie das Auge seiner Kamera - sein Auge. Am Ende findet er sich damit ab. Nicht unwillig, wie es scheint – doch auch dies ist Interpretation, der Versuch, unter die Oberfläche zu dringen.
Jeder Schuss ein Treffer.
Fotograf: David Hemmings
Frau im Park: Vanessa Redgrave
Verushka: Veruschka von Lehndorff
Blondes Modell: Jane Birkin
The Yardbirds: The Yardbirds
Dunkelhaariges Modell: Gillian Hills
Regie: Michelangelo Antonioni | Großbritannien, 1966
Länge: 111 min | FSK: ab 16 | Buch: Julio Cortazar, Michelangelo Antonioni | Kamera: Carlo Di Palma | Szenenbild: Assheton Gorton | Musik: Herbie Hancock | Schnitt: Frank Clarke | Produktion: Carlo Ponti

