Bad Lieutenant - Cop ohne Gewissen
Handlung
Sintflutartiger Regen ist über New Orleans niedergegangen. Eine Natter schlängelt durch die trüben Wellen. Zynisch wettet der abgehalfterte Polizist Terence McDounagh mit seinem Partner Stevie Pruit um das Leben eines Häftlings. Da läuft schon eine höhere Wette: um Terence' Seele. Bei der Rettung des Gefangenen zieht Terence sich bleibende Verletzungen zu. Der Pegel in New Orleans sinkt wieder, Terence unterdessen steht das Wasser bis zum Hals. Er ist süchtig nach Schmerzmitteln und Drogen, hat Wettschulden, ist desillusioniert und korrupt. Seine Freundin, die Prostituierte Frankie, wird in Terence' Ermittlungen in den Mordfall an einer Familie illegaler Einwanderer verwickelt, den Terence lösen soll. Doch Terence weiß, dass er ein schlechte Lieutenant ist: „Look at you – now look at me.“, sagt er zu Gangsterboss Big Fate. Das Verbrechen trägt Terence' Gesicht – und die Seelen tanzen auf dem Weg zur Hölle.
Meinung
„Bad Lieutenant“ ist kein Remake Abel Ferraras gleichnamigen Films, sondern ein düsteres Vorspiel, inspiriert von dessen Handlung. Interessiert sich Cages Figur für die Mordopfer? -
„I never did.“ Ebenso wenig kümmert Herzog das Verbrechen, um welches die Handlung konstruiert ist. Sein Film ist mehr Seelendrama als Polizeithriller. „The Bad Lieutenant“, so der volle Filmtitel, handelt vom Kampf zwischen Gut und Böse in Terence. Durch subtile Metaphorik transportiert Herzog dieses Gefecht in die Umgebung der Hauptfigur. Dabei ist Herzogs Herangehensweise nicht religiös, sondern existentialistisch. Gott und Teufel, die um Terence' Seele ringen, sind Metaphern für dessen Gewissensverlust. Insgeheim hat er den Kampf aufgegeben. Der schlechte Lieutenant weiß um seine Schlechtigkeit und er weiß sie zu nutzen. Dass sich seine Erlebnisse als schicksalhaft herausstellen werden, ahnt er: „Do you know Fate?“, fragt den Lieutenant ein Kleinkrimineller. „Fate“ bezieht sich auf „Big Fate“, doch der Name des Drogenbarons wird zum symbolischen Fingerzeig. Nur wie übel die Vorsehung es mit ihm meint, ist Terrence nicht klar. Die dramaturgischen Schlüsselmotive, welche Werner Herzogs Filme ihre faszinierende Tiefe verleihen, finden sich auch in seinem neuen Werk. Das Gespür für außergewöhnliche, doppelbödige Bildkompositionen hat Herzog nicht verloren, es ist nur sublimiert durch die vertraute Hülle des Cop-Thrillers. "Von einem Fisch, der über es wacht, wenn es schläft", liest Terence in den Schularbeiten eines der Mordopfer. Der Fisch ist Sinnbild für Gott. Doch durch die heruntergekommene Stadt schleichen die in klassischer Malerei mit dem Teufel assoziierten Amphibien, die nur Terence zu sehen scheint. „There ain't no iguana!“, beharrt sein Kollege Pruit – während die Kamera wie zum Spott dem Leguan eine Großaufnahme widmet.
Nicht „Bad Lieutenant“ steht über Herzogs Vorspann, sondern „The Bad Lieutenant“. Der bestimmte Artikel vor dem Titel unterstreicht den Charakter des Films als bizarres Vorspiel zu Ferrarras „Bad Lieutenant“.
Lässt sich Terence am Ende von Herzogs Film noch scheinbar gerettet mit der schwangeren Frankie häuslich nieder, ist er bei Ferrara zum desinteressierten Familienvater und lieblosen Ehemann geworden. Wie den Gangstern, welche Terence in New Orleans in ihren Wohnungen aufsucht, dient dem Bad Lieutenant seine Familie nur als Fassade für eigene verbrecherische Machenschaften.
Terence' Besuch eines Auquariums, mit welchem Herzog das Fischmotiv wiederholt, erweist sich als falsche Hoffnung. Gott umfängt ihn wie die riesigen Aquarien – und er hat nichts Gutes mit Terence vor. Denn im sadistischen „geben, um zu nehmen“ übertrifft Gott den Teufel noch. Die eigentliche Prüfung steht Terence noch bevor. Wie Hiob verliert er zuvor seine Individualität, wird zum namenlosen „Bad Lieutenant“, den Ferrara zeigt. Beim ersten Ansehen enttäuscht „Bad Lieutenant – Port of Call: New Orleans“, weil ihm die überwältigende Kraft von Herzogs Meisterwerken fehlt. Doch er besitzt Witze, die jedesmal besser werden, und einen fatalistischen Sog, ihn erneut zu sehen, um die Feinheiten dieser herrlich zynischen Höllenfahrt aufzuspüren.
„Port of Call: still New Orleans.“
Terence McDonagh: Nicolas Cage
Stevie Pruit: Val Kilmer
Frankie Donnenfield: Eva Mendes
Big Fate: Alvin Xzibit Joiner
Regie: Werner Herzog | USA, 2009
Länge: 122 min | FSK: ab 12 | Buch: William Finkelstein | Kamera: Peter Zeitlinger | Musik: Mark Isham | Schnitt: Joe Bini | Produktion: Ed Pressman

