Augen ohne Gesicht


Handlung

Ein Auto rast entlang der nächtlichen Seine. Lebendig ist nur eine der beiden Insassinnen, die Frau auf dem Rücksitz ist tot. Ihre Leiche versenkt die Andere unbemerkt im Wasser. Wochen später erfährt Dr. Genessier nach einem seiner populären Vorträge vom Fund der Frauenleiche. Die Tote identifiziert der für seine Forschungen auf dem Gebiet der Hauttransplantation berühmte Chirurg als seine Tochter Christine. Nicht das erste junge Mädchen, welches um Paris verschwunden ist. Als Genessier und seine ergebene Assistentin Louise nach der Beerdigung auf dessen Anwesen zurückkehren, wartet dort noch ein geheimer Gast, von dessen Existenz niemand ahnt. Denn die wahre Christine trägt eine andere Totenmaske. Eine gespenstische, weiße Porzellanmaske verbirgt ihr nach einem Autounfall entstelltes Gesicht. Besessen von der Idee, Christines Schönheit wiederherzustellen, hält Genessier seine Tochter auf seinem Anwesen versteckt. Mit Hilfe von Louise entführt er junge Frauen, deren Gesichtshaut er Christine zu transplantieren versucht.

Meinung

Mit gespenstischer Karnevalsmusik eröffnet Georges Franju seinen düsteren Maskenball. Grausamkeit und Brutalität kostümieren sich in seinem grausigen Thriller als Heilkunst und Hilfsbereitschaft. Einzig Christines „Augen ohne Gesicht“ können die Fratzen hinter den Masken des Anstand ihrer Mitmenschen sehen. Zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe wandelt Franjus tragisches Monster durch die Szenerie des cineastischen Grand Guignols. Aus den Augen seiner Tochter blickt Genessier die eigene Schuld an. Versengt wie ein Brandzeichen, ist Christines Gesicht ein lebendes Schandmal, welches statt ihrer Vergehen die ihres Vaters bezeichnet. Seine menschlichen Makel berühren den Doktor dabei weit weniger als sein fachliches Scheitern als Mediziner. Christines Gesicht versteckt Genessier wie ein missglücktes Experiment, schmählicher Beweis für die Unvollkommenheit seiner Forschung. In grausamer Ironie ist es Christine, die sich ihres Status als Versuchsobjekt schmerzlich bewusst ist. Wie einer der in düsteren Verschlägen um das Anwesen eingesperrten Hunde bittet Christine Louise, eingeschläfert zu werden. Unbewusst spiegelt das Mädchen Louise eine geliebte und verabscheute Paarung aus Doppelgängerin und Tochterfigur. Auch Louise wird von einer Zeugin indirekt mit einem Hund verglichen, indem diese auf Louises halsbandartige Kette hinweist. Unter dem Schmuck verbirgt Louise die Operationsnarbe, zurückgeblieben von der erfolgreichen Hauttransplantation Genessiers an ihrem eigenen Gesicht.

Die Narbe ist das eigentliche „Hundehalsband“, das sie an den Doktor fesselt, dessen Befehle sie mit einer Mischung aus Devotation und Gehorsam befolgt. Ihr mütterliches Umsorgen Christines lässt beide mit dem Doktor zu einer pervertierten Kernfamilie verschmelzen. Die Abwesenheit der leiblichen Mutter symbolisiert die emotionale Unfruchtbarkeit Genessiers. Leben kann er nur durch seine Experimente erzeugen, gestohlen von seinen Mordopfern. Die jungen Frauen versenkt er in der Gruft Christines, ihre Schwestern im Geiste, wie sie gesichtslos geworden durch Genessiers Schuld. Dass sie nach einer erfolgreichen Transplantation nicht anders könne, als ihren Vater zu lieben, scheint Christine noch mehr abzustoßen als ihre Entstellung. Vor ihrem Vater graut ihr wie vor ihr selbst. Die wenigen Szenen, in denen Genessiers Züge des prototypischen „mad scientist“ annimmt, sind jene, in denen er seine angebliche Vaterliebe als Grund für seine Experimente angibt. Unter seiner Sachlichkeit lauert dämonische Gefühlskälte. Die qualvollen Experiment an Hunden, den jungen Frauen und Christine bereiten ihm sadistischen Genuss. Unterschwellig drückt sich in Genessiers ausschließlich auf Christine beschränktem Scheitern sein psychischer Widerwille aus. Ihre Unheilbarkeit macht sie zum in ihren Worten „gottgesandten“ Versuchskaninchen, an dem zu experimentieren dem Doktor mehr Befriedigung schafft, als zu heilen.


Die befreiten Tauben und Hunde begleiten Christine, wenn sie zu Maurice Jarrés gespenstischem Spieluhr-Motiv den Käfig ihrer Ballerina-Box verlässt. Genessier verurteilt sie zu einem Tod, der an den von Wells „Dr. Moreau“ erinnert, seinem fiktiven Vorgänger. Der Gesellschaft kehrt Christine symbolisch den Rücken, weil sie deren wahre Natur gesehen hat. Verborgen unter grausigeren Gesichtern als ihrem, nämlich Masken, die nicht aus Porzellan sind, sondern Haut.


Das Gesicht hinter der Maske.

von Lida Bach



Doktor Genessier: Perre Brasseur
Christine: Edith Scob
Louise: Allida Valli

Jaques Vernon: Francois Guerin
Juliette Mayniel: Edna

Regie: Georges Franju | Frankreich, Italien, 1960

Länge: 84 min | FSK: ab 18 | Buch: Pierre Boileau, Jean Redon, Georges Franju, Thomas Narcejac, Claude Sautet | Kamera: Eugen Schüfftan | Szenenbild:Georges Franju | Musik: Maurice Jarré | Schnitt: Gilbert Natot | Produktion: Jules Borkon