An Education


Handlung

Von "Beatniks" und "Teddy Boys" hört man nur. In der konservativen Londoner Vorstadt im Jahr 1961 ist ein aufregendes Leben für die 16-jährige Jenny nur ein Wunschtraum. Bis der charmante David sie anspricht und ihr seine weltgewandten Freunde Danny und Helen vorstellt. Dass David doppelt so alt ist wie sie, stört Jenny nicht, die sich statt eines Oxford-Studiums nun eine Zukunft mit David in der Pariser Bohème erhofft. Dass das strahlende Dasein Davids, Helens und Dannys auch Schattenseiten hat, muss Jenny erst schmerzlich lernen.

Meinung

Hätte Jenny nur auf den Text des neu interpretierten Soul-Klassikers zu Anfang hören können: „There's no light without dark place“. „An Education“ ist eine Lektion über Anstand und Strebsamkeit, die Nick Hornby im federleichten Gewand einer modernen Tragikkomödie verbirgt. Jenny könnte der Feder Jane Austens entstammen. So sehr ist sie junge Dame – nicht Teenager oder Jugendliche, schon gar nicht junge Frau – die ihre Lehren ziehen muss. Ihre Mitmenschen leben Jenny die fatalen Folgen von Leichsinn und Leichtmut vor. Am Kelch des Lebens nippt die Schülerin nur, ist davon schon trunken und taumelt beinah in ihr Unglück. Ein glücklicher Zufall rettet sie, die bitteren Tränen bleiben ihr jedoch nicht erspart. Das klingt bourgeoise, gesprochen in dem vernichtenden Tonfall, in welchem Jenny es zurecht ihren biederen Eltern zu sein vorwirft. Nur ist Nick Hornby als Popmusikkritiker und Pop-Literat so sarkastisch und lakonisch, dass sein Drehbuch die Biederkeit geschickt kaschiert. Einen Plot perfekt im Stile Austens zu konstruierten und ihn dann von Regisseurin Lone Scherfig ironisch, frisch und großartig zu besetzen und modern aufziehen zu lassen, ist ein Kunststück für sich. Dass Jennys Geschichte keine Rebellion ist, deutet bereits der Filmtitel an. „An Education“ umfasst ein Bedeutungsfeld von Schulbildung bis hin zu Erziehung und Unterrichtung. Von Autoritätspersonen übernommenes Wissen, behauptet „An Education“, sei wertvoller als durch Überlegung und Erfahrung erlangtes.

Sozialprestige schätzen die Charaktere mehr als Selbsterfüllung: David, der seine Spießerexistenz nicht aufgeben will, Jennys Eltern und schließlich sie selbst. „Knowing one is better than being one“, formuliert Jennys Vater Sehnsucht und gleichzeitige Ablehnung alternativer Lebenskonzepte. Die Moral, die unter der komödiantischen Leichtherzigkeit lauert, ist überaus konform. Jennys Rebellion ist von Anfang an als aufgesetzt erkennbar. Alles Französische, von Filmen über Musik bis zur Landeshauptstadt, bewundert sie, weil es für sie die Bohème symbolisiert. Sie kann jedoch nicht einmal die Platte Juliette Grecos benennen, die sie heimlich hört. Sie kichert nervös, raucht ungeschickt Zigarette und ist geschockt über kleine Gaunereien ihrer neuen Freunde. In der beengten Londoner Vorstadt der frühen Sechziger, die sich wie die späten Fünfziger anfühlen, strahlt das leichte Leben so golden, dass Jenny fast von einem sozialen Käfig in den nächsten rennt. Ein Entkommen aus diesem Gefängnis gibt es in „An Education“ nicht. Dafür darf es sich Jenny darin so nett wie möglich einrichten, besagt das trostlose Happy End. Die Alternative zu Altjungfer oder Hausfrau heißt 1961 „gefallene Frau“. Das ist Jenny nicht, wie ihre Rektorin versichert. Leider, das klingt auch im Tonfall Jennys an, als sie fast stolz die Worte äußert. Ihre “Education“ über die angebliche Sinnlosigkeit der Sinnlichkeit verinnerlicht sie indes und verdrängt ihre Erfahrungen. Den Schlusstitel kann sie nicht mehr hören: „There´s no smoke without fire, baby, baby, you're a liar.“

Die schlechte Erziehung.

von Lida Bach



Jenny: Carey Mulligan
David: Peter Sarsgaard

Danny: Dominic Cooper
Rektorin: Emma Thompson

Regie: Lone Scherfig | USA, 2009

Länge: 100 min | FSK: ab 6 | Buch: Nick Hornby | Kamera: John De Borman | Szenenbild: Andrew McAlpine | Musik: Paul Englishby | Schnitt: Brney Pilling | Produktion: Finola Dwyer, Amanda Posey