Am Limit


Handlung

Die Brüder Alexander und Thomas Huber sind seit Anfang der 90er Jahre Anführer aller relevanten Ranglisten der Profi-Bergsteigerwelt. Mit ihrem geringen Altersunterschied von nur zwei Jahren, Alexander ist Jahrgang '68 und Thomas '66, sind sie zu einer perfekt eingearbeiteten Maschine mutiert. Ihre Präzision scheint, obwohl von zwei Körpern kommend, das Machwerk eines Gehirns. So gering jedenfalls sind die Fehler der beiden Brüder. Auch hoch dekoriert ist der filmische Dompteur des naturalistischen Kraftaktes. Der Regisseur Pepe Danquart, der schon mit einigen Sportfilmen für Wirbel sorgte, unter anderem mit einer Sport-Dokumentation über die Tour de France, darf sich auch Eigner eines Oscars für den besten deutschen Kurzfilm des Jahres 1994 nennen. In seinem nun aktuellem Werk “Am Limit“ begleitet er die Huber-Brüder bei ihrem Versuch, den Weltrekord im Speed-Klettern am Granitfelsen „El Capitan“ im Yosemite Valley in den USA zu brechen. Unter „normalen Wanderern“ ist El Capitan in zwei bis fünf behäbigen Tagen zu erklimmen. Der Rekord, den die beiden bayrischen Extremsportler an eben besagtem Berg unterbieten wollen, liegt bei 2:48:30 Stunden.

Meinung

Schon die erste Kameraeinstellung ist in ihren Ausmaßen apokalyptisch. Die langhaarigen Huber-Brüder hocken auf einem horrend riesigem „El Capitan“, ergo auf dem Captain der Berge. Dieses aus Granit bestehende Vorzeigeobjekt der Mutter Erde befindet sich im Bundesstaat Kalifornien, sein Gipfel liegt auf einer Höhe von 2.307 Metern, mit seinen bis zu 1000 Meter senkrechten Felswänden ist er so etwas wie das Mekka der Freikletterer. Mit dem Begriff Freikletterer sind jedoch nicht alle Kletterhallenrambos mit Drang zur Frischluft-Erfahrung gemeint. Nein, dem Freikletterer wird einiges mehr abverlangt, sein einziges erlaubtes Fortbewegungsmittel ist sein Körper. Bei Gebrauch des vorhandenen Seil-Sicherungssystems gilt der Berg als nicht frei erklettert. Die sogenannte Kletter-Ethik sorgt für die nötigen Gewissensbisse im Falle tendenziöser Verleumdung der Tatsachen.

Die „Kletter-Ethik" scheint den Huber-Brüdern ins Herz gestanzt. Schon seid ihrer frühesten Kindheit werden sie von den steinernen Riesen angezogen und jeder von ihnen kann auf zahlreiche Prestige-Auszeichnungen zurück blicken. So ist der Film, den Pepe Danquart im Yosemite Valley mit seinem 50 Mann starken Team auf Celluloid brannte, fernab von einem seichtem Naturfilm mit Sporteinlage. Der Titel „ Am Limit“ sagt eigentlich schon alles: Hier geht es um Grenzen und wer vielleicht denken mag, was für eine einfallsloser Name für einen Sportlerfilm, ist nach Verarbeitung des Gesehenen in jedem Fall umgestimmt. Wie zwei verspielte Bärenbrüder sitzen die Hubers, sich an einem Lagerfeuer wärmend, auf dem „Capitan“. Völlig angstfrei stellen sie sich an die Klippe des 2000 Meter hohen Granitriesens. Vor allem Pepe Danquarts aufgeweckten Interesse an verspielten Details lässt den Film glänzen. Surreale Musik und ein Capitan der im Zeitraffer die Sonne über sich gleiten lässt, läuten das Spektakel ein. Die Kameramänner sind alpin erprobt und angstfrei. Keine andere Filmcrew zuvor hat an einer 1000 Meter hohen Steilwand solche Bilder ermöglicht. Mit gigantischen Stelzen schweben die Kameramänner über den beiden Hauptprotagonisten. Die Steilwand ist bis zum kleinsten Zentimeter mit höchst empfindlichen Mikrofonen versehen, um auch jedes noch so kleinste brachiale Stöhnen und Ätzen des Kraftaktes der Brüder einzufangen. Diese scheinen den Berg hoch zu rennen, mit schier übermenschlicher Kraft schlagen sie ihre Fäuste in die spröden winzigen Kerben der Felswand, um ihre Körper mit Hochgeschwindigkeit folgen zu lassen. Unter ihnen eröffnet sich dem Zuschauer die immanente Landschaft des Valleys. An Spannung fehlt es dem Film nicht in einer einzigen Sekunde. Obwohl man die Professionalität der Geschwister in jedem Moment realisiert, scheinen die Brüder fortwährend durch die unfassbare Tiefe bedroht. Um so erstaunlicher sind die im Wechsel platzierten Szenen, in denen sie um ein Lagerfeuer sitzend von ihrem Leben und dem Warum ihrer Tatkraft sprechen. Ganz unterschiedlich präsentieren sie sich dort und gestehen völlig komplexfrei, auch mal eifersüchtig auf den Erfolg des Anderen gewesen zu sein. Doch ihr Drang, Extreme zu überschreiten, ist der Selbe und schweißt sie zu einer Einheit zusammen, die spürbar ist.

Auch andere Extremsportler halten sich am Capitain auf und erklären dem sich vor soviel Lebensmüdigkeit wundernden Laien die Gründe für das, was sie tun. Es ist die Suche nach ihrem Inneren. Sie sind überzeugt davon, nur durch Mut und das stetige Überwinden von Grenzen in zufriedenere Lebens-Stadien überwechseln zu können. Der Rest der Welt schaut dabei aus kleinen Ferngläsern, den Boden fest unter ihnen, vom Fuße des Berges zu. Die Brüder schaffen es schließlich nicht, den Weltrekord zu unterbieten. Thomas, der Ältere der beiden Brüder, stürzt über 17 Meter an der Steilwand hinab und prallt gegen den schier unüberwindbaren Berg, doch einer Katze gleich zieht er sich nur vergleichsweise leichte Verletzungen zu. Mit einer Zigarette im Mund und einem eingegipstem Fuß plant er umgehend den neuen Termin, an dem er gemeinsam mit seinem Bruder den Berg bezwingen will. Nun versteht man auch eines seiner Zitate: „Ich bin eine brutale Maschine. Wenn ich losgehe, gehe ich.“ – Thomas Huber

Nervenkitzel bis zum Limit.

von Ulrike Rasch



Regie: Pepe Danquart | Deutschland, Österreich, USA, 2007

Länge: 95 min | FSK: ab 6 | Buch: Pepe Danquart | Kamera: Martin Hauslmayr, Franz Hinterbrandner, Max Reichel, Wolfgang Thaler | Schnitt: Mona Bräuer | Musik: Dorian Cheah, Christoph Israel | Produktion: Kirsten Hager, Erich Lackner, Mirjam Quinte