Alle Anderen
Handlung
Sommer auf Sardinien. Gitti und Chris verbringen ihren Urlaub auf der italienischen Insel im Ferienhaus seiner Eltern. Beide sind Anfang dreißig und stehen erfolgreich im Beruf. Sie ist PR-Agentin bei einem Musiklabel und er ist Architekt, momentan aber etwas antriebslos. Sie genießen in der Abgeschiedenheit ihre Urlaubstage, bis sie auf Hans und Sana treffen. Er ist ebenfalls Architekt und "Freund" von Chris, sie eine erfolgreiche Modedesignerin und schwanger. Im Zusammentreffen zwischen den Paaren stellen Gitti und Chris die Fragilität ihrer Beziehung fest. Es kommt zum emotionalen Beziehungschaos.
Ob sie sich trennen oder nicht, bleibt offen.
Meinung
Urlaub: Die schönste Zeit des Jahres. Lange ersehnter Tapeten- und Perspektivwechsel. Man hat nichts zu tun, den ganzen Tag für sich und seinen Partner. Zeit für Gedanken und Gespräche. Totale Ausnahmesituation – auch für die Beziehung. Wie unter einem Brennglas vergrößern sich die Probleme, die sich sonst im Alltag auflösen oder durch die Flucht in die Arbeit ignoriert werden. Im Urlaub wird man mit ihnen konfrontiert – gnadenlos. Kein Wunder, dass jede dritte Scheidung nach dem Urlaub eingereicht wird. „Schatz, wollen wir erst nach Italien fahren oder uns gleich scheiden lassen?“. Der Urlaub wird zum ultimativen Beziehungstest. In Maren Ades Beziehungsdrama wird dieser Test im Nichtwissen der Beteiligten durchgeführt. Die Testpersonen sind Gitti und Chris, seit ein paar Monaten zusammen, und der Durchführungsort ist Sardinien. Wir sehen eine moderne junge Frau und einen modernen jungen Mann, die als Paar angereist sind, und die große Frage ist, ob sie auch als Paar wieder abreisen.
Gittis und Chris Beziehung wirkt zu Beginn des Films noch unbelastet und gesund. Im Ferienhaus seiner Eltern genießen sie den Urlaub. Sie reden und lachen miteinander, haben ihre eigenen Rituale und In-jokes. Doch nach einer Weile brodeln Fragen wie „Findest du mich eigentlich männlich?“ oder „Sag mal, hasst du mich eigentlich manchmal?“ an die Oberfläche und offenbaren erste Risse im Fundament der Beziehung. Das „eigentlich“ in den Fragen deutet auf den Kern des Filmthemas: Im Urlaub kommen die Fragen auf den Tisch, die man sonst nicht stellen würde. Der Konflikt spitzt sich weiter zu, als das Paar auf eine vermeintlich bessere Variante von sich stößt. Nach dem Motto „The grass is always greener on the other side of the fence“ beneiden sie ihr Gegenüber für ihre geglückten Lebensentwürfe, während sie sich selbst, vor allem er, momentan völlig verloren und planlos vorkommen. Ein immer größeres Fragezeichen wird hinter die Liebesbeziehung gesetzt.
Spannend zu beobachten, sind ihre Versuche, jene im letzten Drittel des Films zu retten. Hier gewinnt der Film an Fahrt und mittlerweile ist man so dicht an den Figuren, dass ihr Gefühlsdrama einen nicht kalt lässt. Das mit einem Silbernen Bären prämierte Schauspiel von Birgit Minichmayr als Gitti und Lars Eidingers nicht minder exzellente Performance als Chris machen das auch nicht schwer. Berührend und echt portraitieren sie das moderne Paar, deren Beziehung in „Alle Anderen“ auf dem Seziertisch liegt.
Der jungen Regisseurin Maren Ade ist nach ihrem Debüt „Der Wald vor lauter Bäumen“ erneut ein kluger Film mit einem Auge für die zwischenmenschlichen Abgründe gelungen. Sie versteht es, mit subtilem Humor und präziser Personenzeichnung den Zuschauer teilhaben zu lassen an zwei intimen Lebenssituationen. Dabei zeigt sie ein erstaunliches Gespür für authentische Dialoge. Es sind moderne Beziehungs-O-Töne, die man in dem Film zu hören bekommt. Durch die realistische Sprache gewinnen die Figuren eine Allgemeingültigkeit. Die Sprache hebt den Film aber auch von Karikaturen à la „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ ab und gibt ihm eine soziale Ehrlichkeit, fernab von Klischees. Das Kokettieren mit bestimmten Klischees und Geschlechterrollen erlaubt sich Ade allerdings – zum Beispiel, wenn die jungenhafte Gitti gelangweilt den in einem Buch versunkenen Chris schminkt.
Die unaufdringliche Kamera, die den Darstellern viel Freiraum zum Spielen lässt, akzentuiert die kleinen Momente, die sie in langen Einstellungen, oft ohne Schnitt, einfängt. Nebenbei machen die sommeratmenden Bilder von Sardinien Lust auf Urlaub im Süden. Worauf der Film komplett verzichtet, ist eine musikalische Untermalung. Nur zwei Mal hört man Musik, und zwar aus der Stereoanlage in dem Ferienhaus – Schlager und Grönemeyer.
Wie der Beziehungstest ausgeht, lässt Ade weitestgehend offen. Dass Gitti und Chris jedoch nicht zu den zwanzig Prozent der reisenden Paare in Deutschland gehört, für die der Urlaub harmonisch endet, dürfte man mittlerweile erkannt haben.
Trouble im Paradies.
Gitti: Birgit Minichmayr
Chris: Lars Eidinger
Hans: Hans-Jochen Wagner
Sana: Nicole Marischka
Regie: Maren Ade | Deutschland, 2009
Länge: 119 min | FSK: ab 12 | Buch: Maren Ade | Kamera: Bernhard Keller | Szenenbild: Silke Fischer, Volko Kamensky | Schnitt: Heike Parplies | Produktion: Maren Ade, Dirk Engelhardt, Janine Jackowski

