Adam - Eine Geschichte über zwei Fremde. Einer etwas merkwürdiger als der Andere


Handlung

Sie sind unter uns. Unentdeckt von ihren ahnungslosen Mitmenschen. Vielleicht ist der Nachbar oder Kollege auch einer von ihnen. Und bevor man es begreift, ist es zu spät. Man hat sich verliebt: In einen Nicht-NT. „NT“ ist die Abkürzung für neurotypisch, geistig normal ließe sich sagen. Nicht-NTs sind Menschen mit psychischen Abweichungen. Zu ihnen gehört Adam. Der 29-jährige hat eine leichte Form des Autismus, das Asperger-Syndrom. Seiner Nachbarin Beth wird dies erst klar, als sie sich schon in den zurückhaltenden Adam verliebt hat. Trotz Beths Einfühlsamkeit ist die Beziehung für beide ein Wagnis. Adam erwidert ihre Gefühle längst, doch aufgrund seiner Krankheit fällt es ihm schwer, mit intensiven Gefühlen umzugehen und die seiner Mitmenschen wahrzunehmen. Als für Beth unerwartet familiäre Probleme hinzukommen, steht die Beziehung vor der Zerreißprobe. Während ihr Vater gegen Beths ungewöhnliches Verhältnis ist, will Adam mit ihr fortziehen. Beth muss sich entscheiden.

Meinung

Myriaden Sterne glitzern in den dunklen Weiten des Alls. Dazu erklingt eine sanfte Frauenstimme. Sie erzählt von ihrem Lieblingsbuch "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Euphery. Sie war wie der Pilot, zum kleinen Prinzen aber wurde für sie ein Mensch, welcher ihr Leben für immer veränderte: Adam. Wie mutig von Regisseur und Drehbuchautor Max Mayer, seinen Film derat sentmental anfangen zu lassen. Wen ein solches Übermaß an Profanität nicht aus dem Kino vertreibt, der harrt vermutlich in der Hoffnung auf eine Tragikkomödie im Stil von "Snow Cake" aus. Denn "Adam" handelt vom Autismus. Doch der Hauptcharakter ist kein zweiter "Rain Man" und Hautdarsteller Hugh Dancy besitzt nicht das schauspielerische Talent Dustin Hoffmanns. Autismus ist eine der beliebtesten psychischen Störungen der Filmbranche. Einfach drollig findet die Mainstream-Filmbranche die Betroffenen, wie besonders intelligente Hunde oder altkluge Kinder. Sie haben diese schüchterne Naivität und immer irgendeine bemerkenswerte Gabe: Photografisches Gedächtnis, mathematische Hochbegabung, überdurchschnittliches Kombinationsvermögen. Hauptsache, die Fähigkeit eignet sich dazu, je nach Genre für eine besonders spannende oder romantische Situation zu sorgen. In der Realität ist das Leiden weit komplexer. Kompliziert darf es in romantischen Beziehungskomödien jedoch nicht zugehen. Darum leidet Adam am Asperger-Syndrom. Autismus light, wie es der Film darstellt. "Leiden" trifft es auch nicht richtig. Viel zu gut läuft es in Adams Leben. Die Frauen stehen auf den attraktiven Computertechniker, er hat Freunde und ist beliebt bei den Kollegen. Zwar wird ihm gekündigt, doch findet er kurz darauf seinen Traumberuf. Seine Erkrankung macht ihm das Leben nicht schwerer, sondern leichter. Endlich ungeniert ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer leben, so stellt das Liebesdrama sich ein Leben mit Asperger-Syndrom vor.

"Gefühlsblindheit" nennt "Adam", was im Film wie das egoistische Verhalten eines verzogenen Kindes wirkt. "Scheiß auf Asperger, du bescheuertes Kind!", entfährt es schließlich sogar der genügsamen Beth. "Du müsstest nicht mehr arbeiten," verspricht Adam Beth für die gemeinsame Zukunft. Statt die Kleinen im Kindergarten müsste die Erzieherin Beth dann ihren Partner betreuen. "Ich brauche dich," klagt Adam, worauf Beths Vater erwidert, ihre Familie brauche sie. Alle fordern Fürsorge von Beth. Ihre Bedürfnisse hingegen interessieren niemanden. Die Ablehnung ihres Freundes durch ihren Vaters stellt der Film als Negativstereotyp dar. Doch ihr Vater hat Recht mit seinen Worten über Adam: "Er wird nie der Mann sein, zudem du aufsehen kannst." Mehr noch, Beth kann Adam nicht einmal auf Augenhöhe begegnen. Beide haben Besseres verdient. Zwanghaft versucht der Film eine Liebeskomödie zu sein. "Eine Geschichte über zwei Freunde, einer etwas merkwürdiger als der andere" umschreibt es der Untertitel passender. Adam und Beth sind keine Liebenden, sondern Freunde, die gelegentlich Sex haben. Der fehlgeleitete Fokus der Komödie kündigt sich im Titel an. Asperger-Syndrom oder nicht, Beth ist die interessantere Hälfte des Paares. In der Handlung bleibt sie jedoch Nebenfigur.

Das in anspruchsvollen Produktionen vernachlässigte Filmthema psychischer Erkrankung dient in "Adam" als Aufhänger für eine mittelmäßige Komödie. Dabei hätte Mayers Film ein hintergründige Tragikkomödie werden können, würde der Regisseur die ernsten Seiten der Thematik nicht zugunsten banaler Liebelei vermeiden. Das dramatische Niveau gleicht dem des Waschbärenkinderbuchs, welches die Amateurautorin Beth schreibt, statt dem von "Der kleine Prinz". Einstein, Mozart und Jefferson litten am Asperger-Syndrom, behauptet "Adam". Biografen dürfte das eher neu sein. Die Produzenten wird es freuen.

Mehr Asperger, mehr Einnahmen.

von Lida Bach



Adam: Hugh Dancy
Beth: Byrne

Beths Vater: Peter Gallagher

Regie: Max Mayer | USA, 2009

Länge: 99 min | FSK: ab 6 | Buch: Max Mayer | Kamera: Seamus Tierney | Schnitt: Grant Myers | Musik: Christopher Lennertz | Produktion: Miranda De Pencier, Leslie Urdang, Dean Vanech