A single Man
Handlung
Mit dem Morgen beginnt für George eine lange Reise in die Nacht. Seit dem Tod seines Lebenspartners Jim hat der zurückgezogene Literaturprofessor jede Lebensfreude verloren. Im Amerika der frühen sechziger Jahre muss er als Homosexueller die Trauer um seinen Partner vor der Öffentlichkeit verbergen. Entschlossen, sich umzubringen, bereitet er während eines scheinbar gewöhnlichen Berufstages an der Universität seinen Selbstmord vor. Mehrfach setzt er die geladenen Pistole an, doch immer hindert ihn eine Begegnung am Abdrücken. Seine beste Freundin, die Trinkerin Charley, will sich mit ihm verabreden. Der attraktive junge Student Kenny und eine Zufallsbekanntschaft bringen Georges Pläne für seinen letzten Tag durcheinander. Umso näher er dem geplanten Tod kommt, umso mehr lockt ihn das Leben.
Georges sehnlichster Wunsch erfüllt sich schließlich in einer tragischen Pointe.
Meinung
„A single Man“ gleicht einer Allegorie auf das Leben. Am Anfang steht die Erkenntnis der Unvermeidbarkeit des Todes. Der Unfall seines Partners gemahnt George an die eigene Sterblichkeit. Seine gut situierte, mittelständische Existenz erscheint ihm flüchtig und bedeutungslos. Die veränderte Wahrnehmung seiner Lebensumstände führt bei George zu einer veränderten Selbstwahrnehmung. Als „A single Man“ sieht er sich nun, „Der Einzelgänger“ aus Christopher Isherwoods Romanvorlage. Georges Selbsterkenntnis und die universelle Erkenntnis der Vergänglichkeit bedingen einander. Gnoti sauton – vermutlich hat der Literaturprofessor George auch Altgriechisch gelernt. Anders als William Faulkner zieht er der Trauer jedoch das Nichts, den Tod, vor. Doch wird der Tod als Freund herbeigesehnt, will er nicht kommen. Statt seiner erwarten George überall Zufälle, welche seinen Suizid verhindern. Fast scheint es, als haben sich seine alten und potentiellen zukünftigen Freunde verschworen, um seine Todessehnsucht zu vertreiben. Langjährige Freunde wie Charley erinnern George daran, was er hat, neue wie Kenny daran, was auf ihn wartet, Zufallsbekanntschaften wie Carlos daran, was er in der Gegenwart versäumt.
Ist Georges Freude am Leben gerade zurückgekehrt, klopft der Tod doch noch an die Tür und lässt sich nicht abweisen. Ein melancholisches Gefühl von Vergänglichkeit umschließt „A single Man“ wie eine Klammer. Als letzten der unerwarteten Gäste besucht George sein verstorbener Lebensgefährte Jim, den er kurz vor dem eigenen Sterben in Gedanken vor sich sieht. Eine Erinnerung an das letzte, was George mit dem Leben aufgeben muss: seine Erinnerungen. Fords Verfilmung ist auch eine moralische Parabel von einem, der den Wert der Dinge erst erkennt, als er sie verliert.
Im Grunde ist Georges Geschichte eine unendlich traurige, gleichzeitig jedoch eine von bizarrer Komik. Göttliche Komödie und menschliche Tragödie sind eins. Irgendwer da draußen lacht mich aus, könnte George ausrufen. Nur sitzt dieser jemand nicht in den Wolken, sondern im Kinosaal. Dass es Auslachen und nicht Mitlachen ist, welches das Schicksal des „Single Man“ weckt, ist die Tragik der Hauptfigur und des Regisseurs Tom Ford. Die Augenblicke skurriler Komik geben Fords elegischem Stil eine Dissonanz, welche das Drama zur Groteske verzerrt. Christopher Isherwood betrachtet seine Figuren mit leiser Ironie ohne sie zu verhöhnen. Den bitter-komischen Ton der literarischen Vorlage kann Tom Ford nicht einfangen. Er flüchtet sich in eine metikulöse Stilübung. Als Modedesigner weiß Ford um die Kraft visueller Eindrücke. Ausstattung und Inszenierung sollen „A single Man“ zu einem fast sinnlichen Erlebnis machen. Farbliche Metamorphosen symbolisieren Georges emotionale Wandlung, extreme Nahaufnahmen und Zeitlupen seinen geschärften Blick. Doch all dies ist bei Ford nur Spielerei. Seine exaltierte Inszenierung bleibt kalt. Statt Georges Erlebnisse bewegender zu machen, wirkt Fords überbordende Symbolsprache erstickend. Die sozialen Zwänge, unter denen der Hauptcharakter leidet, deutet Ford nur an. Georges Trauer ist übermächtig geworden, weil er sie nicht ausdrücken darf. Indirekt bezeichnet er sich als Angehörigen einer „unsichtbaren“ Minderheit. Nun will er im Tod auch physisch verschwinden, das wäre auch für den Zuschauer eine Erlösung.
Jeder stirbt für sich allein.
George Falconer: Colin Firth
Charley: Julianne Moore
Jim: Matthew Goode
Kenny: Nicholas Hoult
Carlos: Jon Kortajarena
Mrs. Strunk: Ginnifer Goodwin
Regie: Tom Ford | USA, 2009
Länge: 101 min | FSK: ab 12 | Buch: Tom Ford, David Scearce | Kamera: Eduard Grau | Szenenbild: Dan Bishop | Musik: Abel Korzeniowski | Schnitt: Joan Sobel | Produktion: Tom Ford, Andrew Miano, Robert Salano

